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Yoko Onos Kunst in Zürich : Und rücke den Wolken auf den Leib

  • -Aktualisiert am

Inzwischen Klassikerin in Schwarzweiß: Yoko Ono. Bild: Kate Garner/Kunsthaus Zürich

Einst die schwarze Witwe der aufbruchsbewegten Popkultur der Sechziger, heute Klassikerin der Avantgarde: Yoko Ono beweist im Kunsthaus Zürich Eigensinn und Nachhallkraft.

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          Man hätte es ahnen können: Mit Feuerbällen, wie sie gerade am Himmel von Kiew wüten, kennt sich die Neunundachtzigjährige aus. Während des Bombenhagels über Tokio betrachtete Yoko Ono mit ihrem jüngeren Bruder durch eine Öffnung im Dach den Himmel und glaubte darin Lebensmittel und andere Mangelware zu erkennen. Es waren Momente des Entkommens, die sie 1966 in einer biografischen Selbstbeschreibung lakonisch festhielt: „Frühe Kindheit: sammelte Himmel“. Nicht, dass die Tochter einer großbürgerlichen Bankiersfamilie später damit aufgehört hätte. In ihrer ersten Ausstellung in der New Yorker AG Gallery von George Maciunas sammelte sie 1961 zwar noch die berühmten „Instruction Paintings“, die das Publikum konspirativ zum Ausführen von Anweisungen animierten. Oder besser: zum Verwirklichen eines immateriellen Kunstwerks. Was auch schon mal heißen konnte, dass es die Leinwände bespritzen oder in Flammen aufgehen lassen sollte.

          Japanoamerikanische Grapefruits

          Zeitgleich entstand damals das quadratische Buch „Grapefruit“ im Geiste einer Konzeptkunst avant la lettre. Es listete in fünfhundert Exemplaren unzählige Anleitungen auf. Sie mussten nicht zwingend aufgeführt werden, einerlei, ob es poetische Aphorismen oder Ideen für Filme waren. Und „Grapefruit“ verwies schon im Titel auf Onos hybride Identität zwischen Japan und Amerika. Da verwundert es nicht weiter, dass sie in ihrer Unbehaustheit irgendwann wieder das Freiheitsversprechen des Firmaments packte.

          Der Krieg ist leider nicht vorüber: Ausstellungsansicht der Yoko-Ono-Schau im Kunsthaus Zürich mit einem Foto des legendären „Bed-in“ mit John Lennon und einem „War is over!“-Plakat.
          Der Krieg ist leider nicht vorüber: Ausstellungsansicht der Yoko-Ono-Schau im Kunsthaus Zürich mit einem Foto des legendären „Bed-in“ mit John Lennon und einem „War is over!“-Plakat. : Bild: Franca Candrian/Kunsthaus Zürich

          In der über sechzig Schaffensjahre umfassenden, von ihr mitkonzipierten Solo-Schau „This room moves at the same speed as the clouds” im Kunsthaus Zürich bilden die ätherischen Werke eine ganze Gruppe, die einen Kontrapunkt zum zwischenzeitlich morbiden Image von unsichtbaren Luftpartikeln setzen – nicht als Stellvertreter für Lebensgefahr, sondern kostbares Gut für alle, die an den Verhältnissen ersticken. Die junge, verträumt umstürzlerische Ono bot etwa Luft in Automaten, genannt „Air Dispenser“, zum Verkauf an mit dem Ziel, „an jeder Straßenecke den Himmelsautomaten statt des Cola-Automaten“ zu sehen. Ob sie auch von Yves Klein beeinflusst war, der bereits 1946 dem mediterranen Himmel von Nizza seine Unterschrift verpasste und ihn zu seinem ersten „Monochrome“ kürte?

          Der Fluchtimpuls nach oben, weg vom dem immer gleichen Elend der Welt, ließ sie jedenfalls nicht los. Man begegnet in dem eigensinnigen Frühwerk, zugleich dem Schwerpunkt der Schau, Glasschlüsseln, die den Himmel öffnen, Himmelsmaschinen und „Sky TV“, einer der frühesten Videoinstallationen überhaupt, die eine Überwachungskamera auf Wolken richtete und sie live an den jeweiligen Standort übertrug. Was natürlich kein Zufall war, wenn man bedenkt, dass Ono mit dem Fluxus-Mitglied Nam June Paik befreundet war, der den Fernseher zum Kunstwerk adelte, allerdings in einer vom Zeitgeist diktierten Abwehrhaltung. „Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert – jetzt schlagen wir zurück“, so der Pionier des Medienzeitalters. Ein solch martialischer Schlachtruf wäre Ono, die sich über die ausufernden Egos von Künstlern lustig machte, nie eingefallen. Stattdessen fokussierte sie in ihren Fluxfilmen in frontaler Nahaufnahme auf vorwärtsschreitende nackte Pobacken von Menschen, die bereit waren, ihr „zweites Gesicht“ zu zeigen – ein provokativer Vorgeschmack auf die damals vor allem von Frauen betriebene Körperkunst. In dieser begriff Ono ähnlich wie Carolee Schneemann nicht nur sich selbst, sondern auch die Leiber anderer als leidensfähiges Material. Selbst in diesen Performances spielte der Himmel eine Rolle, etwa in „Sky Piece to Jesus Christ“ aus dem Jahr 1965.

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