https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/wurde-im-beschaulichen-crailsheim-ein-fruehwerk-des-nuernberger-meisters-albrecht-duerer-entdeckt-17394643.html

Frühwerk des Meisters entdeckt : Ist es nun ein Dürer oder nicht?

Bei so viel Eleganz im Bösen kann es eigentlich nur Dürer sein: Ausschnitt aus der Tafel mit der Hinrichtung Johannes des Täufers auf dem Hochaltar in Crailsheim, um 1490. Bild: dpa

Verborgene Attraktion: Die Kleinstadt Crailsheim würde von einer sicheren Zuschreibung an den wichtigsten Maler um 1500 wohl erheblich profitieren.

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          Wer sein Auge schulen will, kann sich im Netz die Schedelsche Weltchronik herunterladen und unter den vielen Holzschnitten der Wolgemut-Werkstatt jene des jungen Dürer herausfischen. Durch Signaturen ragen sie nicht hervor, durch künstlerische Prägnanz umso mehr.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine solche Suche kann man auch in Crailsheim im Nordosten Baden-Württembergs betreiben: In der dortigen Johanneskirche steht ein dem Patron der Kirche gewidmeter Hauptaltar des späten fünfzehnten Jahrhunderts aus der Wolgemut-Werkstatt Nürnberg, in der Dürer von 1486 bis 1489 mehr oder weniger eine „Lehre“ erhielt. Seit den Feierlichkeiten zum vierhundertsten Todestag Dürers 1928 wurde von Kunsthistorikern immer wieder einmal die Vermutung geäußert, Dürer habe etwa siebzehnjährig an dem Altar mitgearbeitet.

          Meistens zugeknöpft: Der Crailsheimer Flügelaltar in geschlossenem Zustand.
          Meistens zugeknöpft: Der Crailsheimer Flügelaltar in geschlossenem Zustand. : Bild: dpa

          Keine neue Zuschreibung, nun aber eine mit Nachdruck von Forschern aus Nürnberg

          Vor allem stamme von dem künftigen Superstar der deutschen Malerei die Figur des Scharfrichters (und eben nicht des „Henkers“, wie in allen Nachrichtenagenturmeldungen fälschlich zu lesen war), der Johannes den Kopf mit dem Schwert abtrennt. In dem für die Spätgotik typischen tänzelnden Maureskenschritt dreht dieser sich vom Leichnam weg und legt das abgeschlagene Haupt auf die ihm von Salome gereichte Silberschale, die sogenannte Johannesschüssel. Als Zeichen seiner inneren Verworfenheit drückt sich überlang die Schamkapsel nach außen; seine modische Kleidung offenbart ihn als eitlen Geck, auf seinem petrolfarbenem Wams changiert die Seide ebenso lachsfarben wie auf dem Kopftuch mit der exaltierten Schleife. Beim Pendeln des schweren Zweihänderschwerts zwischen Leichnam und Bein müsste Blut an seine Beinlinge geraten, doch ist den muskulösen Armen das souveräne Halten des Langschwerts zuzutrauen. Aus des Täufers Rumpf im Kamelhaarmantel spritzt Blut in eine eimerförmige Schlinge seines roten Märtyrergewandes, eine Formfindung, die charakteristisch für Dürers stets ungewöhnliche Bildneuerungen ist. Um ein gewisses Bedauern des Büttels mit dem von ihm Hingerichteten zu zeigen, steckt Dürer zusätzlich zum mitleidigen Gesichtsausdruck des Scharfrichters dessen knochenbrecherisch weit nach hinten genommenen rechten Fuß unter das Gewand Johannes’, als eine Art stoffliche Solidarisation gegen Herodes am Tisch.

          Salome hat schon die Schuhe an, in denen sie gleich für ihren Vater Herodes hinten am Tisch den fatalen Tanz aufführen wird, für den dieser wiederum Johannes enthaupten ließ. Szene aus der Johannespassion des Crailsheimer Altars, um 1490.
          Salome hat schon die Schuhe an, in denen sie gleich für ihren Vater Herodes hinten am Tisch den fatalen Tanz aufführen wird, für den dieser wiederum Johannes enthaupten ließ. Szene aus der Johannespassion des Crailsheimer Altars, um 1490. : Bild: dpa

          Angesichts all der für die Meterware der Wolgemut-Werkstatt unüblichen Feinheiten und der Gesichtsähnlichkeit mit der auffällig langen Nase etwa mit Dürers Porträt seines Vaters von 1490, der vermuteten Aufstellungszeit des Altars, scheint eine Zuschreibung an ihn triftig. Dass die Zuschreibungsversuche nach 1928 wieder versickerten, liegt mutmaßlich daran, dass der spätgotische Flügelaltar üblicherweise geöffnet und der linke Außenflügel mit dem Johannestod so nur sehr selten zu sehen ist, da weg von den Gläubigen nach hinten in den Chorraum geklappt. Zudem bleibt die Tafel mit dem mauresken Scharfrichter die einzig erkennbar von Dürer geschaffene, während der Johannes in der „Taufe Christi im Jordan“ darüber schon wieder von einer anderen Hand stammen dürfte, wie auch die Predella darunter, der bemalte Altarsockel mit „Christus und den zwölf Aposteln“, auf dem der jugendschöne Johannes als Lieblingsjünger des Herrn in einem grün-weißen Gewand sehr undürerisch aus der Reihe seiner deutlich älteren Apostelkollegen herausgehoben ist.

          Von ihm als Goldschmied lernte Dürer weit mehr als in den drei Jahren in der Wolgemut-Werkstatt: „Porträt des Vaters“ von 1490, gemalt also mit neunzehn, aufbewahrt in den Florentiner Uffizien.
          Von ihm als Goldschmied lernte Dürer weit mehr als in den drei Jahren in der Wolgemut-Werkstatt: „Porträt des Vaters“ von 1490, gemalt also mit neunzehn, aufbewahrt in den Florentiner Uffizien. : Bild: Picture-Alliance

          Seit Donnerstag ist Dürer nun auch Objekt parteipolitischer Volten geworden. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Stephen Brauer (FDP/DVP) forderte von Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) in Stuttgart in einem Schreiben, „dass die landesseitige Unterstützung ermöglicht, dass der Echtheitsnachweis durch eine Infrarot-Untersuchung zweifelsfrei erbracht werden kann.“ Tatsächlich ist Dürers Beteiligung sicher nur über eine Infrarot-Aufnahme zu erbringen, denn auf dieser wäre die Unterzeichnung zu sehen, durch die sich Künstler verraten, während bei ausgemalten Figuren stilistische Eigenheiten nivelliert werden. Für Crailsheim nahe dem lieblichen Taubertal mit seinen vielen Riemenschneider-Werken wäre das Dürer-Frühwerk allemal ein touristischer Magnet.

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