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Ausstellung „Oil“ in Wolfsburg : Stählerner Fingerzeig nach oben

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Eine Fahne aus Ölruß: John Gerrards „Western Flag (Spindletop, Texas)“ von 2017 Bild: Kunstmuseum Wolfsburg

Die Ausstellung „Oil“ im Kunstmuseum Wolfsburg breitet künstlerische Reaktion auf das Ölzeitalter aus. Nur die Geschichte der Stadt selbst, die ihre Existenz dem schwarzen Gold verdankt, bleibt unreflektiert.

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          Die Hochzeitsgesellschaft besteht aus lauter Männern, und es werden immer mehr. Im traditionellen weißen Gewand betreten sie das riesige Festzelt wie eine Bühne, einer nach dem anderen. Glitzernde Lüster über ihren Häuptern, weiche Teppiche zu ihren Füßen. Austausch von Küssen der Ehrerbietung. Mittendrin, aber unbeteiligt ein ernst und etwas unsicher dreinschauender Bräutigam. Weit und breit keine Frau. Noch nicht einmal die Braut.

          Die wie choreografiert wirkenden Szenen einer Eheschließung in Qatar hat der italienische Videokünstler Yuri Ancarani 2016 in seinem dreiminütigen Film „The Wedding“ festgehalten. Das tonlose Werk erzählt viel darüber, wie Ansehen, Privilegien und Macht in einer zumindest geografisch nicht so fernen Gesellschaft verteilt sind. Im Kunstmuseum Wolfsburg, wo die Ausstellung „Oil“ derzeit „Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ illustriert, ist es bemerkenswerterweise das einzige von mehr als zweihundert Exponaten, das sich explizit auf den für den weltweiten Erdöl-Export so zentralen arabischen Raum bezieht.

          Wohlstand und Zerstörung

          Kuratiert haben die Schau die Kulturwissenschaftler Alexander Klose und Benjamin Steininger, die auf diesem Gebiet Ex­perten sind: Sie bilden das Forscherkollektiv „The Beauty of Oil“ und haben 2020 ein gut dreihundert Seiten starkes Buch über „Erdöl“ veröffentlicht. Darin beleuchten sie die Zeit seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als es den Menschen möglich wurde, Erdöl in Wärme, Ge­schwin­digkeit und unterschiedlichste neue Materialien zu verwandeln. Eine Errungenschaft, deren Ambivalenz immer schmerzlicher spürbar wird: Was einerseits das Le­ben so viel einfacher macht, ist andererseits Anlass für Krieg, Ausbeutung und Um­weltzerstörung. Im Spiegel der Kunst auf die dämmernde „Petromoderne“ zu­rückzublicken hat brisantes Potential.

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          Die an eine Grabungsstätte erinnernde Architektur ist nicht nur Metapher für den retrospektiven Ansatz der Kuratoren, sondern auch für die lange Geschichte der Ausstellung selbst. Ursprünglich wollten Klose und Steiniger ihre Idee mit dem damaligen Museumsdirektor Ralf Beil verwirklichen, dessen Amtszeit 2018 jedoch überraschend endete. Im Raum stand der Verdacht, dass man sein Präsentationskonzept in der für die Museumsfinanzierung maßgeblichen Kunststiftung Volkswagen als allzu automobilkritisch empfunden haben könnte. Verspätet realisiert haben Klose und Steiniger ihr Projekt schließlich mit Beils Nachfolger Andreas Beitin – „vollkommen frei und ohne Einflussnahme Dritter“, wie eine Pressemitteilung des Museums eigens betont.

          Der Rundgang beginnt in einem (Öl-)Spiegelsaal, mithin in einer Lagerstätte unter der Erde, und führt von dort über viele Umwege in den Himmel. So gibt Sylvie Fleury den buchstäblich erschlafften Raumfahrtträumen mit einer Kunststoffrakete Kontur, während ein zu einem Weihkerzenständer recycelter Bohrkern keinen Zweifel mehr an der transzendentalen Be­deutung des Öls lässt. Häufig begegnet man dazwischen mit allen medialen Mitteln ins Bild gesetzten Öltürmen. Als stählerner Fingerzeig nach oben drängt sich das Fortschrittssymbol nicht nur bei den Futuristen, sondern auch in der DDR auf, wo Lehrtafeln ebenso wie Leipziger Maler dem Öl-Götzen huldigen. Mit Souvenir-Ästhetik spielt Gunhild Vatn, die historische Fotos der norwegischen Plattform Ocean Viking auf Wandtellern aufgebracht hat und damit daran erinnert, dass Ölförderung und ihre Folgen nicht allein das Pro­blem ferner Länder sind.

          Die Kunst ist gar nicht so frei

          Der raumhohe Naphta-Cracker, den das Atelier van Lieshout im Zentrum der Ausstellung platziert hat, ist im Vergleich zu den Industrieanlagen, in denen Benzin in Kunststoff verwandelt wird, verschwindend klein. Einen Eindruck, dass Aufwand und Ertrag in fragwürdigem Verhältnis zu­einander stehen, vermittelt das rostige Un­getüm trotzdem. Der zentrale Beitrag stammt indes von Hans Haacke. Dass die Kunst nicht so frei ist, wie sie es gerne wä­re, und sich mit blutigem Ölgeld fördern lässt, hat er mit seiner einem antiken Tempel nachempfundenen Installation „MetroMobiltan“ 1985 erschütternd deutlich vor Augen geführt.

          Zur selben Zeit fand Tony Cragg so viele angespülte Kunststoffteile am Rheinufer, dass er daraus ein wandfüllendes Mosaik herstellen konnte. Der Bildhauer scheint die aktuelle Diskussion über die Vermüllung der Ozeane mit seiner farbenfrohen „Menschenmenge“ schon da­mals vorhergesehen zu haben und widerlegt damit eindrucksvoll sein gern als zu gefällig kritisiertes Image. Neben Robert Gschwantner, der aus PVC-Schläuchen ei­nen Ölteppich gewebt hat, sorgt Mark Dion für einen der wenigen schwarzen Momente. Mit der Farbe des Öls macht sein geteerter Flamingo auch den Tod zum Thema.

          Die an sich stringente Dramaturgie der Ausstellung erschließt sich nicht immer leicht. Dafür haben die akribischen Kuratoren sie mit zu vielen Einzelaspekten des komplexen Themas überfrachtet. Gleichzeitig bleiben Fehlstellen. Denn wenn eine Schau den Titel „Oil“ trägt und in einer Stadt zu sehen ist, die dem Öl ihre Existenz verdankt, darf man erwarten, dass sie auch den eigenen Standort befragt. Dass Wolfsburg im nationalsozialistischen Deutschland zu dem einzigen Zweck der Automobilproduktion gegründet wurde und während des Krieges der Rüstungsindustrie diente, bleibt aber ebenso unreflektiert wie die Tatsache, dass das Emirat Qatar heute zu fast fünfzehn Prozent an Volkswagen beteiligt ist. So viel Nestbeschmutzung hätte schon sein müssen.

          „Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“. Im Kunstmuseum Wolfsburg; bis zum 9. Januar 2022. Der Katalog kostet 39 Euro.

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