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Wo Beuys den Filz fand : Stoff aus Schweigen

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Filz für Paris und London

In Giengen vermutete man als Auftraggeber zuerst die Bundeswehr. Der Stoff wurde in der Polsterfilzqualität mit der Nummer 2131 verlangt, ein grobfaseriger Filz mit Einschlüssen von Kletten und Samen, die sich in der Schafswolle verfangen hatten. Die Wolle war Importware, von Tieren in Neuseeland, Südafrika und Uruguay. In Giengen wurde die Wolle in der Wolferei gerissen, danach gekrempelt, gewalkt, getrocknet und gepresst. Der Kunde, heißt es in einem Bericht eines Mitarbeiters der Vereinigten Filzfabriken, habe Wert auf hohe Maßgenauigkeit gelegt, aber keine Anhaltspunkte über den Verwendungszweck gegeben. „Wir gingen bei unseren Überlegungen auch davon aus, dass es vielleicht ein Behördenauftrag sei, denn zur damaligen Zeit wurden noch Bundeswehrbeschaffungen in ähnlicher Ausstattung ausgeschrieben, wobei Abnahmebeamten oft überzogene und kaum einhaltbare Forderungen stellten.“ Die Abwicklung dieses Auftrages, heißt es in dem Bericht, habe die Nerven aller Beteiligten „in nicht geringem Maße strapaziert“. Erst bei der Zeitungslektüre entdeckte man vier Wochen später, wofür der Filz verwendet worden war: ein Kunstwerk von Beuys. Das war 1976.

Die Liste der in Giengen gefertigten Werke ist lang: 1966 kleidete Beuys beispielsweise einen Flügel in Giengener Filz ein, den man 1984 renovierte. 1970 lieferte man den Filz für den „Block Beuys“, eine sieben Räume umfassende Installation im Hessischen Landesmuseum. 1971 lief in Giengen der Filz für die Objekte vom Band, die Beuys in der „Tragetasche aus Polyäthylen mit Filzplastik“ herausgab, um die vom Künstler gegründete „Organisation für direkte Demokratie und freie Volksabstimmung“ zu finanzieren. 1977 lieferte man den Stoff für die Filzanzüge, die vom Münchner Herrenschneider Dietl genäht wurden. 1982 reiste Filz aus Giengen nach Paris ins Centre Pompidou. Und zuletzt, im Oktober 1985, rollten lasterweise Filzhüllen und Filzflöre aus Schwaben nach London, um unter dem Titel „Plight“ die gesamte Galerie Anthony D'Offay auszukleiden. Drei Monate später starb Beuys in seinem Düsseldorfer Atelier.

Boten einer besseren Welterordnung

Der Filz ist - neben Fett und Kupfer - das zentrale Material in Beuys' Werk geblieben. Man wird die Enttäuschung nicht wegreden können, dass ausgerechnet Beuys seine Jugend im Nationalsozialismus mythisch verklärte. Aber es war nicht der einzige Grund, weshalb der Giengener Filz zum Erben des Tatarenfilzes werden musste. Beuys' Mythen reichten ebenso in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Und in dieser Hinsicht war er nicht weniger Handwerker als seine Zuarbeiter in der Filzfabrik: Gleich einem Klempner suchte er neue Anschlüsse für die alten Rohre, die vom neunzehnten Jahrhundert an quer durch die deutsche Geschichte verlegt worden waren. Er, der sich 1970 für die Autonomie der Hochschulen einsetzte, erst für den Bundestag kandidierte, dann für das Europaparlament und Gründungsmitglied der Grünen war, bastelte unaufhörlich an einer neuen Mythenmaschine, mit der die alten märchenhaften Geschichten in neue Richtungen gepumpt werden sollten.

„Die Gespenster der Römerzeit“, schrieb Karl Marx, hätten als mythische Verkleidung in den Revolutionsjahren einst die „Wiege des Bürgertums“ gehütet. Die Gespenster der Romantik hüteten die Wiege von Beuys' Gesellschaftsutopie. Filz und Fett verklärte er zu Boten einer besseren Welterordnung. Die Mythen der Moderne hießen dagegen Rationalität, Wettbewerb und gesunder Egoismus. Und die wirken erfolgreich bis heute weiter.

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