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Wo Beuys den Filz fand : Stoff aus Schweigen

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Die wirkliche Geschichte ist schnell erzählt: In die von Buchloh vorgegebene Richtung wurde weiter geforscht, 1996 erschien die Beuys-Biographie „Flieger, Filz und Vaterland“ von Frank Gieseke und Albert Markert. In den Akten des Krankenbuchlagers ließ sich nachschlagen, dass Beuys vom 17. März bis zum 7. April 1944 im mobilen Feldlazarett 179 gepflegt wurde. Zwischen dem Absturz am 16. März und der Einlieferung am 17. März lagen also nicht zwölf Tage, sondern maximal vierundzwanzig Stunden. Mit der dubiosen Gründungslegende geriet das Gesamtwerk ins Rutschen: Der Filz, nach Beuys ein Symbol für Schutz und Wärme, schien auf einmal nur noch ein Werkzeug in dem selbstgezimmerten Mythenraum zu sein, zu dem die eigene Vergangenheit umgebaut worden war. 2008 legte der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss nach, indem er Beuys den „ewigen Hitlerjungen“ nannte und in seiner Kunst vor allem einen kryptofaschistischen Verblendungszusammenhang sehen wollte.

Beuys sah Filz anders als wir

Hätte es, kann man sich heute rückblickend fragen, da nicht geholfen, wenn Beuys einfach bei der Wahrheit geblieben wäre? Wenn er den Filz nicht benutzt hätte, um seine Biographie zu mystifizieren? Wenn er die Karten offengelegt hätte, sowohl was seine Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg betrifft, als auch die Herkunft des Stoffes, aus dem seine Kunst war. Seht her, dies ist die Stadt Giengen, hätte er ja sagen können, es gibt dort ein Unternehmen mit zweihundertfünfzig Mitarbeitern, dort bestelle ich meinen Filz. Filzsterne, Filzweihnachtsbäume, Filzsets und Filzschneeflocken werden in der Weihnachtszeit produziert; 1880 wurde hier aus Wollfilz in Zusammenarbeit mit Margarete Steiff das erste weichgestopfte Spieltier der Welt geschaffen, das sogenannte Elefäntle, ein weißes, mit einem himmelblauen Deckchen bekleidetes Tier. Mit Erfolg werden hier außerdem bis heute Industriefilze für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke hergestellt, und von den sechziger Jahren an belieferte man eben zusätzlich Museen und Galerien mit Filzobjekten, Filzskulpturen, Filzinstallationen. Das ist alles. In den trockenen Worten, die man im Geschäftsbericht der Vereinigten Filzfabriken fand, der erschien, nachdem Beuys am 23. Januar 1986 verstorben war: „Beuys sah Filz anders als wir.“ Oder war es genau das, wovor sich Beuys fürchtete? Dass seine Arbeiten aus Filz sich plötzlich in eine prosaische Produktpalette einreihten, der Filzanzug zwischen Filzweihnachtssternen und Filzelefanten? Sorgte er sich um den Zauber seiner Kunst und verschwieg deswegen seinen Besuch von 1985?

Als in den sechziger Jahren die ersten Aufträge in Giengen angenommen wurden, erzählt Gisela Lossek, fiel nirgends der Name Beuys. Sie gingen über einen Zwischenhändler ein, Artur Zimmermann, der damals einen Lederwarengroßhandel in der Düsseldorfer Stresemannstraße betrieb. „Das ist alles über mich gelaufen“, erinnert sich Artur Zimmermann, der inzwischen pensioniert ist. Im Jahr 1960 sei Beuys zum ersten Mal in sein Geschäft gekommen, das neben Leder auch Filz führte. Vom Künstler Beuys „hatte man mal was gehört“, freundschaftlich sei das Verhältnis gewesen, beim fünfzigsten Geburtstag habe auch Beuys mitgefeiert. Von da an sei er häufig in das Düsseldorfer Atelier gerufen worden, um durchzusprechen, welcher Filz in welcher Qualität in Giengen bestellt werden sollte. „Es war“, so Zimmermann, „grundsätzlich mir überlassen, mich um die Ausführung zu kümmern.“

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