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Wo Beuys den Filz fand : Stoff aus Schweigen

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Götzendämmerung

„Wir haben über alles Mögliche gesprochen“, lautet die diskrete Auskunft des Giengener Firmenvorstands Martin Frisch, die nach Beuys' Besuch in der Zeitung zu lesen stand. Man hielt sich an die Vereinbarung. Vertraulichkeit. Vor und nach dem Besuch.

1985 war auch das Jahr, muss man ebenfalls wissen, in dem eine neue Kritikwelle auf Beuys zuzurollen drohte. An Kritik hatte es natürlich nie gefehlt, aber die Schusslinie, in die Beuys nun geriet, war neu. „Weltruhm für einen Scharlatan?“, fragte noch 1979 der „Spiegel“ mit einer Titelgeschichte; Anlass war Beuys' umfangreiche Retrospektive im Guggenheim-Museum, dem Olymp der Modernen Kunst. Aber das waren nur die üblichen Anwürfe, Beuys war sie gewöhnt. Nachdem jedoch in den Gängen der berühmten New Yorker Museumsspirale vierhundert Zeichnungen, dazu Skulpturen und Environments aus Filz und Fett ausgestellt worden waren, gefördert im Übrigen mit einer ordentlichen Finanzspritze aus Bonn, legte plötzlich ein Kunstkritiker den Finger in eine ganz andere Wunde. Der Essay, publiziert im amerikanischen Kunstmagazin „Artforum“, trug den Titel „Twilight of the Idol“, zu Deutsch: Götzendämmerung. Autor war der Kunsthistoriker Benjamin H. D. Buchloh, und ihn interessierte eine neue Frage: Welches Verhältnis hat der als Schamane auftretende Beuys eigentlich zur deutschen Geschichte? Und welchen Glauben konnte man seiner Selbstmystifizierung schenken, allen voran der Legende vom Flugzeugabsturz auf der Krim im Jahr 1944?

Jenseits von Politik und Besatzung

Und damit war man mitten im Filz. Nach eigenen Angaben nämlich war Beuys, der sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet hatte, bei einem Einsatz östlich von Freifeld, heute Snamenka, am 16. März 1944 in einen Schneesturm geraten und über der Krim abgestürzt. Der Pilot des Kampfflugzeuges vom Typ JU 87 starb, Beuys wurde schwer verletzt. Angeblich waren es Krimtataren, die ihn aus dem Flugzeugwrack bargen und ihn zwölf Tage lang pflegten, bis er in ein deutsches Lazarett überstellt wurde. „Ich erinnere mich an den Filz“, heißt es bei Beuys, „aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält.“ So weit die bekannte Geschichte, die - das ist heute ebenso bekannt - so nicht stimmen kann. Buchloh war in den achtziger Jahren der Erste, der an der Glaubwürdigkeit der Geschichte zweifelte und noch dazu ein Muster deutscher Geschichtsklitterung der Kriegsgeneration darin erblickte: Aus dem Unteroffizier und Bordschützen Beuys, der für das nationalsozialistische Deutschland einen Einsatz flog, machte die Erzählung ein Kriegsopfer; das bombadierte Gebiet verwandelte sich in ein märchenhaft verschneites Niemandsland, jenseits von Politik und Besatzung, in dem ursprüngliche Menschenstämme nach der Art von Druiden Wunderheilmethoden praktizierten.

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