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Wikinger-Ausstellung in Berlin : Als Thors Hammer Europa erschütterte

Eine Ausstellung im Berliner Gropiusbau erkundet die Welt der Wikinger. Sie waren, so erfährt man, Kapitalisten wider Willen. Und sie hatten keine Lust, im Jenseits ihre Schwerter weiterzuschwingen.

          5 Min.

          Um das Jahr 1200 vor Christus gingen im östlichen Mittelmeer plötzlich die Lichter aus. Eroberer aus dem Norden waren mit schnellen Schiffen an den Küsten entlanggesegelt, um sich ihren Anteil am Reichtum der bronzezeitlichen Hochkulturen zu rauben. Sie plünderten die Hafenstädte, zündeten die Königspaläste an, zerstörten die Reiche der Hethiter und Kanaanäer und zogen weiter nach Ägypten, wo sie von Ramses III. in einer großen Schlacht besiegt wurden. Der Bericht des siegreichen Pharaos gibt den Angreifern verschiedene Namen. Die moderne Forschung nennt sie „Seevölker“. Für ihre Opfer waren sie der Schrecken schlechthin.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Wikinger, die sich selbst nur ungern so nannten, sind also kein einmaliges Phänomen. Als sie zweitausend Jahre nach den Seevölkern von den norwegischen und dänischen Küsten aus nach Westen segelten, wo die Reiche der Angelsachsen und Franken lagen, hatten sie ganz ähnliche Ziele: Gold, Silber, Sklaven und dazu Kriegsruhm in der Heimat. Und wie bei den Seevölkern brachen zuerst kleinere, dann größere, hierarchisch organisierte Gruppen auf und raubten und zerstörten im jeweiligen Maßstab. Erst fielen einzelne Städte, dann ganze Reiche.

          Einmalig an den Wikingern - oder besser: den kriegerischen Skandinaviern des Frühmittelalters - ist, dass sie selbst Reiche gründeten. In England ließen sie sich an der Ostküste nieder, in Frankreich in der Normandie. Ein paar Generationen später eroberten sie, jetzt als Normannen, Sizilien und Süditalien. In Russland schufen sie das Reich der Kiewer Rus. Vor allem aber sorgten sie dafür, dass sich in Dänemark, Norwegen und Schweden das Königtum etablierte.

          Im Handumdrehen einsatzbereit

          Die Landschaften wurden zu Nationen. Die westeuropäische Kultur wirkte auf ihre Quälgeister zurück. Binnen weniger Jahrzehnte ließen alle skandinavischen Könige sich taufen. Die Rus nahmen das orthodoxe Christentum an. Der neue Glaube ermöglichte diplomatische Heiraten, Verwandtschaftsbeziehungen nach Byzanz, Aachen, Paris, zu den Westsachsen und Staufern. Die Länder der Plünderer wuchsen mit denen der Ausgeraubten zusammen. Die Ultima Thule wurde ein Teil Europas.

          Und dennoch blieb den Wikingern ihr mörderischer Ruf erhalten. Sie hatten die frühmittelalterliche Kultur nicht nur erschreckt, sondern erschüttert. Aus Klosterbibliotheken hatten sie Aschehaufen gemacht, aus Altargerät Hacksilber. Ein Vierteljahrtausend lang waren sie in jedem größeren Konflikt siegreich gewesen. Das lag an einem technologischen Vorsprung, den die Reiche des Westens nicht aufholen konnten. Die Nordmänner hatten ihre fluss- und küstentauglichen Ruderschiffe durch Großsegel seetüchtig gemacht. Mit eingezogenen Rudern segelten sie nach Grönland und Neufundland, mit leichter Ladung kamen sie bis in den Oberlauf der Themse und der Loire. Das Leben an Bord schuf eine Kampfgemeinschaft, die den bäuerlichen Aufgeboten der fränkischen und angelsächsischen Fürsten so überlegen war wie der Panzer dem Pferd. Nur die byzantinischen Dromonen mit ihrem griechischen Feuer konnten den Flotten der Skandinavier Paroli bieten.

          Ausstellungseröffnung in Berlin : Dänische Königin und Bundespräsident auf Wikingerschiff

          Es ist deshalb konsequent, dass im Zentrum der Wikinger-Ausstellung im Berliner Gropiusbau ein in Dänemark gefundener Schiffsrumpf steht. Die „Roskilde 6“, wie Archäologen sie nennen, war freilich kein Wikingerschiff mehr, sondern mit ihren 78 Ruderern und dem gut dreißig Meter langen Kiel Bestandteil einer königlichen oder gräflichen Flotteneinheit. Dennoch kann man auch an diesem späten, um 1030 entstandenen Fundstück die Betriebsgeheimnisse der wikingerzeitlichen Schiffstechnologie studieren: die sauber gespaltenen, im Klinkerverfahren verbundenen Eichenbohlen, die dem Rumpf zugleich Leichtigkeit und Stabilität verliehen; der hohe Mast, dessen Segel nicht nach unten abgezogen, sondern nach oben gerefft wurde, so dass es im Handumdrehen einsatzbereit war; der schlanke Bootskörper, der bei Unwetter mit Wachsplanen überspannt werden konnte, was die Überlebenschancen der Besatzung auf hoher See deutlich erhöhte.

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