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Goya-Ausstellung in Wien : Die Bestialisierung der Gesellschaft

So drastisch nah: Goyas Radierung „Con razón ó sin ella” (Mit oder ohne Grund), entstanden um 1812/15 und Nr. 2 der Folge „Los Desastres de la Guerra“ Bild: Albertina

Das ist keine Ausstellung, sondern ein Statement: In Wien blickt die Albertina mit Goyas „Desastres de la Guerra“ auf Fotografien vom Krieg in der Ukraine.

          3 Min.

          An einem Pfahl baumelt ein Erhängter im weißen Hemd; ein Soldat lümmelt davor, entspannt zurückgelehnt, und scheint die Szene zu genießen. Im nächsten Bild greifen Uniformierte nach Frauen, offensichtlich um sie zu vergewaltigen. Dann sind da Weiber, die sich plündernd und fleddernd über am Boden liegende Männer herzumachen scheinen. Und wieder und wieder Bilder von Hinrichtungen: Da werden Männer auf die Leiter unter dem Galgengerüst gezerrt, dort werden welche füsiliert.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Es sind wahrhaft Schrecken des Krieges, die der spanische Künstler Francisco Goya aus der Zeit der Napoleonischen Kriege in einer Serie von Radierungen drastisch vor Augen führt. Die Albertina in Wien hat jetzt ihren Bestand der Serie „Desastres de la Guerra“ hervorgesucht und Fotografien aus dem Krieg in der Ukraine gegenübergehängt. Die Aufnahmen stammen von Mykhaylo Palinchak, einem ukrainischen Fotografen, der in friedlichen Zeiten – davon zeugt beispielsweise seine Website – mit den Mitteln seiner Kunst so etwas wie ein Porträt seines Landes angefertigt hat. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine sind seine Sujets zerbombte Häuser, Menschen auf der Flucht, ausgebrannte Panzer, Gräber und Trauernde, in einer Kirche gestapelte Hilfsgüter, Autowracks auf kraterübersäten Straßen und wieder und wieder Ruinen. Einige der Bilder erkennt man wieder: Sie sind an Nachrichtenagenturen gegangen und wurden vielfach abgedruckt.

          Die Idee kam von der ukrainischen Botschaft

          Die Toten, die Goya so drastisch ins Bild gesetzt hat, sind bei Palinchak nur zu ahnen – umso fürchterlicher, wenn man dann erkennt, dass es eine Hand ist, die da aus dem Erdreich ragt. Oder wenn man begreift, dass es Leichname sein müssen, die sich vor der Kulisse kahler Bäume unter einer Plane abzeichnen. Es gibt sie natürlich, jene drastischen Bilder von Toten, die auf den Straßen liegen, oft noch gefesselt. Man findet sie im Internet, auch Palinchak hat solche Fotografien angefertigt. Die Auswahl der Bilder für die Albertina ist aber nach den Kriterien erfolgt, wie sie auch die meisten Medien anwenden. Hier wie dort eine schwierige Abwägung zwischen Dokumentation einerseits und Respekt vor der Würde der Toten andererseits.

          Was Goya ins Bild setzte, lässt sich bei Palinchak nur ahnen.
          Was Goya ins Bild setzte, lässt sich bei Palinchak nur ahnen. : Bild: Mykhaylo Palinchak

          „Das ist keine Ausstellung, das ist ein Statement“, sagt Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina. Damit meint er zum einen, dass die Präsentation der Bilder ohne jegliche wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgt, die man in einer Ausstellung erwarten dürfte. Zum anderen, so Schröder gegenüber dieser Zeitung, ist es „ein Statement gegen den Krieg an sich und gegen diesen Krieg im Besonderen, der jetzt in der Ukraine wütet“. Immer sei es die Zivilbevölkerung, die die größten Opfer erbringen müsse, ob vor 200 Jahren oder jetzt. „Es zeigt, dass der Krieg nur um den Preis einer Bestialisierung der Gesellschaft zu haben ist.“

          Der Tyrann erwartet Unterwerfung

          Der Anstoß, auch die Idee mit Goya, sei von der ukrainischen Botschaft gekommen, sagt Schröder. Binnen vierzehn Tagen habe man die Fotos herbeigeschafft, entwickelt, gerahmt – und die Galerie, die natürlich ursprünglich für anderes vorgesehen gewesen sei, freigeräumt. „Diese Ausstellung ist nicht für die Kunstgenießer“, sagte der ukrainische Botschafter in Wien, Wassyl Wassyljowytsch Chymynez. „Diese Fotos erzählen vom schrecklichen Krieg, den Russland gegen die Ukraine, gegen die ukrainische Bevölkerung führt.“ An Erklärtexten gibt es nur biographische Abrisse über Goya (1746  bis 1828) und Palinchak (Jahrgang 1985). Die Grafiken Goyas tragen ohnehin programmatische oder sarkastische Beschriftungen wie „Barbaren!“, „Warum“ oder „Sie wollen nicht“. Die Fotografien sind nur mit Ort und Tag der Aufnahme bezeichnet.

          Ein einziger Text wurde auf Bitten Schröders von Doron Rabinovici beigesteuert. Schröder merkt – fast erstaunt – an, dass sie beide, er selbst wie Rabinovici, seit Jahrzehnten überzeugte Pazifisten gewesen seien und sich nun „überraschenderweise im selben Lager wiedergefunden hätten“, nämlich derer, die ohne Wenn und Aber die Ukraine in ihrem Kampf um Souveränität unterstützten. Rabinovici setzt sich in seinem Beitrag, ohne Putin beim Namen zu nennen, mit dem Tyrannen auseinander, der den Krieg nicht erkläre, den er entfesselt habe. Dem die Auslöschung einer Nation das Mittel zum Ziel sei, Weltmacht zu sein. Der Unterwerfung erwarte und ein freies Europa jenseits seiner Willkür nicht dulden wolle. Und der jene Kunst hasse, die widerspiegele, was den Opfern widerfährt: „Der Tyrann weiß um ihre Kraft und fürchtet ihre Courage.“

          Die Schrecken des Kriegs. Goya und die Gegenwart. Albertina, Wien. Bis 21. August.

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