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Neupräsentation im Courtauld : Diese Bilder haben ihre Ketten abgeworfen

  • -Aktualisiert am

Umgruppiert: Der Bloomsbury Room in der Courtauld Gallery Bild: Hufton+Crow

Das Courtauld Institute hat umgebaut und setzt seine Sammlung in ein neues Licht. Von störendem Gerümpel befreit, bekommen die groß­zügig gehängten Kunstwerke nun Luft zum Atmen.

          5 Min.

          In Thomas Rowlandsons satirischer Darstellung des Rummels rund um die Jahresausstellung der Royal Academy drängelt und schubst sich die Londoner Gesellschaft des frühen achtzehnten Jahrhunderts auf der steilen Wendeltreppe von Somerset House. In diesem von William Chambers entworfenen neo­palladianischen Komplex war die Kunstakademie mit anderen königlichen Bildungsinstitutionen und öffentlichen Äm­tern damals untergebracht. Chambers hatte die Treppe zum großen Ausstellungssaal im Obergeschoss als symbolischen Aufgang zum Parnass konzipiert; Rowlandson karikierte sie als Gelegenheit für die Männer, den Frauen unter den Rock zu schauen. Daher der kalauernde Titel des Stiches, „Exhibition Stare Case“, der mit den englischen Begriffen für „Treppe“ und „starren“ spielt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Akademisten und Beamten haben diese Räume längst verlassen. Seit 1989 residieren im Nordflügel das Courtauld-Institut für Kunstgeschichte und die dazugehörige Kunstsammlung, ein zu wenig beachtetes Juwel Londons. Sie wurden jetzt einer grundlegenden Renovierung unterzogen, um mehr Klarheit in das auf die Bedürfnisse von neun Institutionen zugeschnittene Gewirr an Räumen, Gängen und Ebenen hinter der prunkvollen Gebäudehülle zu bringen. Dabei galt es, auch die Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst stärker hervorzuheben, die seit der Courtauld-Gründung in den Dreißigerjahren zwischenzeitlich durch die räumliche Trennung der Schwesterorganisationen aus den Augen verloren worden war.

          Auch von außen eine Schau: The Courtauld Gallery in Somerset House.
          Auch von außen eine Schau: The Courtauld Gallery in Somerset House. : Bild: Benedict Johnson

          Das auf die Anpassung historischer Bauten an moderne Anforderungen spezialisierte Architekturbüro Witherford Watson Mann hat einen massiven Eingriff unternommen, ohne die Essenz der klassizistischen Interieurs zu beeinträchtigen. Böden wurden gesenkt, Wände durchbrochen und die aus Ziegelstein gemauerten Kellergewölbe ausgehöhlt, um neue Räume zu gewinnen, Verbindungen zu schaffen, moderne Anlagen einzubauen und Flächen zu nivellieren, um die Bewegung durch den Gebäudekomplex zu erleichtern, der fast fünfzig unterschiedliche Ebenen aufwies. Die Interventionen werden sich in ihrer Gänze erst ermessen lassen, wenn die unter anderem durch die Entdeckung einer gewaltigen mittelalterlichen Jauchegrube verzögerte Arbeit an der Ostseite des Nordflügels vollendet und das Institut aus seinem Exil nahe dem Bahnhof King’s Cross zurückgekehrt ist.

          Als wäre ein Schleier gelüftet

          Unterdessen lädt die Galerie dazu ein, deren Sammlung neu zu entdecken. Lüster und am Rahmen befestigte Bilderleuchten, die irritierende Schatten auf die Kunstwerke warfen, sind ebenso entfernt worden wie die Ketten, mit denen die Gemälde an den Bilderleisten befestigt waren. Technische Vorrichtungen wurden unter Putz implantiert und Verzierungen wie Stuckleisten an den Wänden dort entfernt, wo sie das Auge ablenken könnten. Von störendem Gerümpel befreit, bekommt die nun groß­zügig gehängte Sammlung Luft zum Atmen. Es ist nicht nur vor der restaurierten Trinität Botticellis, die nach den auf der Rückseite entdeckten, möglicherweise sogar von ihm selbst gezeichneten Entwürfen neu gerahmt worden ist, als wäre ein Schleier gelüftet worden.

          Das von Witherford Watson Mann Architects neu konzipierte Innere der Courtauld Gallery
          Das von Witherford Watson Mann Architects neu konzipierte Innere der Courtauld Gallery : Bild: Witherford Watson Mann Architect

          Beginnend mit dem Grundstock der drei Gründerväter Samuel Courtauld, Arthur Lee und Robert Witt, ist die Galerie durch eine Akkumulation von Vermächtnissen wie den Sammlungen des viktorianischen Künstlers Thomas Gambier Parry, des aus Österreich zugewanderten Grafen Antoine Seilern und des Kunsthistorikers Roger Fry sukzessive gewachsen. Es gehört zu den Vorzügen der neuen Präsentation, dass sie die Geschichte des Gebäudes und der Sammlung in den kunsthistorischen Überblick integriert. So kommt Gambier Parry ebenso zur Geltung wie später Seilern in der Darbietung seines reichhaltigen Bestands an Ölskizzen von Rubens. Roger Frys Beitrag wird in einem kleinen, im Stil der von ihm geförderten Bloomsbury-Gruppe eingerichteten Zimmer gewürdigt.

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