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Rodin und Picasso : Der Zentaur und der Minotaurus

  • -Aktualisiert am

Einzigartige Formen von Bewegung im Raum: Picassos „Grande baigneuse“ (1937) Bild: Photo © RMN-Grand Palais, Mathieu Rabeau © Succession Picasso 2021

Eine Doppelausstellung in Paris konfrontiert Picasso und Rodin: Eine gegenseitige Erhellung, die viel zum Verständnis ihrer Arbeitsprozesse beiträgt.

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          Als Pablo Picasso im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert mit der Kunst anfing, stand Auguste Rodin im Zenit seines Ruhms. Beide haben hinsichtlich ihrer Nachwirkung und Produktionsmenge ein außerordentliches Werk geschaffen. In unterschiedlichen Epochen finden sie den Weg zu neuen Darstellungsweisen des Körpers, zu einer neuen Figuration, die seismographisch etwas vom Geist ihrer Zeit erfasst. Rodin, der 1840 in Paris geboren wurde, geht über Realismus und Naturalismus hinaus und sucht in einer expliziten Materialität seiner Figuren expressive Emotion auszudrücken. Er ist der Begründer der modernen Plastik. Picasso wurde 1881 in Málaga geboren und steht mit der kubistischen Revolution am Anfang eines neuen Kapitels der Moderne. Es gibt keinen Beweis dafür, dass sie sich je kennengelernt haben. Picasso hält sich schon ab der Jahrhundertwende häufig in Paris auf und nimmt sich 1904 definitiv ein Atelier im Bateau-Lavoir. Rodin stirbt 1917.

          Wenn sich nun das Picasso- und das Rodin-Museum mit ihren reichen Beständen zum ersten Mal zusammentun, um in einer Doppelausstellung in beiden Häusern diese demiurgischen Künstler der Moderne in einen Dialog zu setzen, dann geht es nur begrenzt darum, etwaige Anleihen aufzuzeigen. Picasso hat das Werk Rodins sehr genau studiert und offensichtlich bewundert, während der Bildhauer den spanischen Künstler nicht weiter wahrgenommen hat.

          „Meine Zeichnungen sind der Schlüssel“

          Im Jahr 1900 kommt Picasso zum ersten Mal nach Paris zur Weltausstellung. Er besichtigt die große Rodin-Ausstellung im Pavillon de l’Alma und fünf Jahre später eine Re­trospektive des Bildhauers im Musée du Luxembourg. An seine Atelierwand pinnt er eine Fotografie vom „Denker“. Als Picasso im Jahr 1902 seine erste kleine Skulptur einer hockenden, melancholisch grübelnden Frau aus Ton modelliert, denkt er wahrscheinlich an Rodin. Mehr als drei Jahrzehnte später zeigt eine in sich versunkene, das Kinn in die Hände gestützte, lesende Frauenfigur im Gemälde „Große Badende mit einem Buch“ eine noch deutlichere Entsprechung zu Rodins „Denker“, selbst wenn sie stilistisch völlig anders gestaltet ist.

          Die beiden Werke werden im majestätischen Treppenhaus im Picasso-Museum vereint und zeigen zwei Meister in der Darstellung von Körperausdruck und Emotion. Die Expressivität der Figuren Rodins, ihre dramatischen Körper mit Leid, Trauer, Glück oder Ekstase ausdrückenden Haltungen und Mimik werden von Picasso genau beobachtet. Tragisch leere Augenhöhlen und im Schrei geöffnete Münder gehören in den frühen Jahren zum Kanon seines Experimentierens, ob als Zeichnungen oder in Skulpturen. Der Spanier muss auch den eisern voranschreitenden „L’homme qui marche“ in der Ausstellung von 1900 gesehen haben: In einer Zeichnung nimmt er denselben entschlossenen Schritt auf.

          „Mouvement de danse“ von Auguste Rodin aus dem Jahr 1911
          „Mouvement de danse“ von Auguste Rodin aus dem Jahr 1911 : Bild: © agence photographique Musée Rodin, Jérome Manoukian

          Mit mehr als fünfhundert Exponaten gibt die Doppelausstellung in einer ständigen Gegenüberstellung beider Künstler Einblick in ihren Schaffensprozess. Die Parallelen, die dabei herausgearbeitet werden – man sollte den Besuch beim Picasso-Museum beginnen –, sind faszinierend zu verfolgen. Vor allem erhellen sich die beiden Künstler in dieser Konfrontation gegenseitig und damit auch das tiefere Verständnis ihrer Motivationen und Obsessionen, die einem derart übermächtigen Gestaltungsbedürfnis zugrunde liegen. Man erlebt sie in manchen Räumen wie bei der Arbeit, immer zeichnend – „meine Zeichnungen sind der Schlüssel zu meinem Werk“, kommentiert Rodin –, immer formend, wobei Picassos Talent als Bildhauer dem des Malers ebenbürtig ist. „Kreieren, improvisieren sind nutzlose Worte“, schreibt Rodin. Es gehe darum zu verstehen. Picasso erstrebt eine derart „intelligente“ Malerei, „dass sie dem Leben gleich wird“. Um zu verstehen, wie der gesuchte Ausdruck, die gewünschte lebendige Emotion in der Materie oder der Malerei dargestellt werden können, ist das Atelier der Ort, an dem experimentiert und in experimentellen Serien gearbeitet wird.

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