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Starkes Bild Schmerzensmann: Joseph Beuys bei der sogenannten Aachener Aktion an der dortigen Technischen Hochschule. Bild: bpk/Heinrich Riebesehl/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Beuys´ Arbeit am Mythos : Aurastifter und Fabelschnitzer

Die zirkulierende Auferstehungskunst des Joseph Beuys: Wo sich alte und neue Schlagbilder überlappen, leben sie auf ewig weiter.

          5 Min.

          Der Prophet gilt meist nichts, bis er tot ist. Früher oft verunglimpft – ungezählt sind etwa die Karikaturen zu seiner entsorgten Fettecke –, ist Beuys heute im Siegeszug der ökologischen Bewegung und der Grünen als einer ihrer Mitbegründer eine respektierte Prophetenfigur, obwohl ihn die Partei einst verschmähte. Künstler in aller Welt berufen sich auf ihn. Der Russische Pavillon der letzten Venedig-Biennale wirkte, als hätte er ihn noch vor seinem Tod 1986 selbst kuratiert. Ohne seine zentrale Arbeit „Zeige deine Wunde“ und das häufig selbstgezimmerte Fluxusinstrumentarium wären Bands wie die Einstürzenden Neubauten („Hör mit Schmerzen!“), Tool oder Nine Inch Nails kaum denkbar.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Nun gibt es ihm zu Ehren dreizehn Ausstellungen allein in seinem Herkunfts-Bundesland Nordrhein-Westfalen. Föderal springen Sammlungen mit Beuys-Bestand im ganzen Land auf den Geburtstagszug auf. Selbst in Süddeutschland wird er gefeiert, ob im Museum Ulm mit „Ein Woodstock der Ideen – Joseph Beuys, Achberg und der deutsche Süden“ oder in der Stuttgarter Staatsgalerie als „Raumkurator“, der 1984 vor der Gestaltung seines eigenen Saales dort erst noch die Figurinen von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett kongenial auf hohe zylindrische Sockel stellte und so zu Säulenheiligen der Kunst werden ließ. Vor allem aber zeigt Stuttgart mit der „Kreuzigung“ von 1962 vielleicht das exemplarischste Werk für Beuys` Transformation tradierter Ikonographien in frische neue Bilder: Statt der vertrauten Figuren von Maria und Johannes am Fuß des Kreuzes stehen hier unter einem Stück Altholz mit bekrönendem rotbraunen Kreuzsymbol auf Zeitungspapier zwei säureverkrustete Metallflaschen, die alte Form von Blutkonserven vor dem Plastikzeitalter. Die Energie des „Braunkreuzes“ oben fließt nachvollziehbar über Drähte und Elektrokabel am Kreuzesstamm in die leeren Gefäße und füllt sie mit neuer Kraft zum Weiterleben.

          Die Gefahr der Zersplitterung des Bildes

          Ebenso aber warten das Münchner Lenbachhaus etwa mit der epochalen Arbeit „Zeige deine Wunde“ sowie die Sammlungen in Wien mit nicht wenigen Bezügen zu Ausstellungen, Werken und Aktionen von Beuys auf. Die Gefahr der Zersplitterung des Bildes vom Universalkünstler Beuys, der außer Zeichnungen und Künstlerbüchern auch gemeinsam mit seinem Lehrer Ewald Mataré eine der Türen des Kölner Doms schuf, politisch tätig war und als Musiker Töne sichtbar machen wollte, ist dennoch groß – ein Gesamtbild erhielte wohl nur derjenige, der alle Ausstellungen besuchte, was in Corona-Zeiten unmöglich erscheint. So könnte einen guten Einstieg gerade die wohl kleinste aller Beuysiana bieten, die von Eugen Blume kuratierte Schau „Der Erfinder der Elektrizität“ – wie er Christus einst auf einem Votivbildchen titulierte –, in der Matthäikirche auf Berlins Kulturforum, neben dem nun glänzend restaurierten neomittelalterlichen Glasreliquiar der Neuen Nationalgalerie van der Rohes.

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