https://www.faz.net/-gqz-abkgo

Beuys´ Arbeit am Mythos : Aurastifter und Fabelschnitzer

Kern seines Werks aber ist bei dem im Krieg schwer Verwundeten die Ikonographie des Schmerzensmannes: Das Leben schlägt Wunden, die Kunst vermag diese zu heilen. Wie der Kunsthistoriker Philip Ursprung in seinem kürzlich erschienenen Buch zu Beuys feststellt, kann auch der scheinbar in jede denkbare Richtung ausgedeutete „Fettstuhl“ noch einmal völlig anders gesehen werden, nämlich als sitzender Torso, ähnlich den zerbrechlich transzendenten Sitz-Versehrten des Bildhauers Giacometti. Was aber wäre ein Torso anderes als ein Schmerzensmann aus der Antike? Erneut ist hier das zugrunde liegende Motiv „Zeige deine Wunde“, das Ausstellen von Scheitern und Fragilität als Kunst.

Aber stammen die zentralen Ideen seines materialisierten Denkens nur aus christlichen Kontexten? Die Schau in der Matthäikirche übernimmt diese verlockende Analogie nicht einfach. Zwar sind Atheisten oft die kritischsten Theologen, und auf Beuys, der sich als Atheisten bezeichnete, trifft dies in gesteigertem Maß zu, weil er sich mindestens ebenso für Mythen lange zurückliegender Zeiten und Nationen interessierte. So haben ähnlich prägend für seine späteren kreativen Narrationen und Geschichts-Umformungen (die Krimtataren, die dem Abgestürzten durch Einfetten das Leben retten, erinnern nicht von ungefähr an Christi Jünger, die den heiligen Leib einbalsamieren, gepaart mit Karl Mays imaginierenden Abenteuerberichten wie „Durch das Land der Skipetaren“) in seiner Jugend neben May auch Hans Findeisen, technische und pfadfinderische Lektüren sowie alte und moderne Ordnungssysteme der Natur wie Albertus Magnus, Rudolf Steiner oder Linnés „Systema naturae“ auf ihn gewirkt. Er „kenne keinen historischen Abstand“, bekannte Beuys einmal, für ihn fänden alle Gedanken der Menschheit gleichzeitig in einem großen Raum statt, war alles immer schon da. Damit einher geht allerdings das Problem, dass auch prägende Ideen seiner Kindheit in der Hitler-Jugend bisweilen zu ungefiltert in Arbeiten einfließen, was Kritiker in den vergangenen Jahren brandmarkten.

Tatsächlich zentral aber ist die Idee der Auferstehung: Sie entspricht seinen vor allem in den Zeichnungen entwickelten Zyklen und Wiedergeburten, den Ideen von Nachhaltigkeit und des Energieerhaltungssatzes allen Seins. Die Honigpumpe auf der Documenta verbildlichte dies in einem eingängigen Bild, erst recht die „Dumme Kiste“ aus Kupferplatten im Zentrum der Matthäikirche: ein „Heiliggrab“, wie es einst in vielen Kirchen stand, um temporär an Ostern den Leib Christi aufzunehmen und diesen hernach durch Leerräumen des Sarkophags ex negativo bildlich auferstehen zu lassen. Davor ruht ein gekrümmtes Bronzekreuz in Form einer Biene, einem alten Christus-Symbol. Oder wie Beuys einmal das seine Arbeiten erklärende „Auferstehungsprinzip“ definierte: „Die alte Form, die stirbt oder erstarrt ist, in eine lebendige, durchpulste, lebensfördernde, seelenfordernde, geistfördernde Gestalt umzuformen. Das ist der erweiterte Kunstbegriff“. Beuys’ Werke sind mithin Geschichtsspiegelungen in dem Sinne, dass sie die Vergangenheit mit der Gegenwart überblenden und damit die Brüche in den nie ganz überlappenden Konturen ästhetisch sichtbar werden lassen. Das macht sie zeitlos – und unentbehrlich.

Weitere Themen

Topmeldungen

Annalena Baerbock und Sergej Lawrow am Dienstag in Moskau

Besuch in Moskau : Frostige Atmosphäre zwischen Baerbock und Lawrow

Annalena Baerbock und Sergej Lawrow waren zwar höflich zueinander aber nicht mehr. Die Gespräche waren wohl kaum mehr als ein gegenseitiges Vorhalten von Vorwürfen. Immerhin gibt es ein Zeichen im Hinblick auf die Ukraine.
Roberta Metsola nach ihrer Wahl im Europäischen Parlament

Roberta Metsola : Nicht klassisch konservativ

Die Christdemokratin aus Malta hat gezeigt, dass sie Mehrheiten organisieren kann. Wer ist die neue Parlamentspräsidentin aus dem kleinsten Mitgliedstaat der Union?
Nursultan Nasarbajew während seiner Videoansprache an die Kasachen am 18. Januar

Videoansprache an Kasachen : Nasarbajew ist wieder da

Nach Wochen der Spekulationen über das Los Nursultan Nasarbajews meldet sich Kasachstans „Führer der Nation“ zurück – angeblich aus Nur-Sultan. Er betont, es gebe keinen Konflikt in der Elite des Landes.