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Beuys´ Arbeit am Mythos : Aurastifter und Fabelschnitzer

Überhaupt Reliquiare – die von Beuys häufig selbstgefertigten Vitrinen zur Präsentation seiner dinghaften Materialisationen von Ideen stehen in der Tradition mittelalterlich körperhafter Ostensorien als frühe Vitrinen. Aus dieser Zeit lernt er auch viel über die Auratisierung einzelner Objekte und die feine Balance von Zeigen und Verbergen, weshalb ihm der gotisierende Bildhauer Wilhelm Lehmbruck am nächsten war. Mit den Ostensorien teilen seine Vitrinen das Problem, dass sich in ihnen heute nur noch die Reste einer viel größeren, unanschaulichen Idee (präsentiert ursprünglich zum Beispiel in einer Aktion) oder gar eines über viele Jahre andauernden Prozesses befinden – intensives Hineindenken ist demnach erforderlich.

Was Beuys jedoch unter den Künstlern seiner Zeit einzigartig machte, war gerade seine Fähigkeit, per se Abstraktes wie Kreisläufe und Energieflüsse (etwa „Wie kann ein Bild Kraft spenden?“) anschaulich werden zu lassen. Alles, auch Alltäglichstes, verleibt er der Kunst ein, alles wird ihm Formgelegenheit, was – zumindest inhaltlich – eine Brücke zur Pop-Art bildet, wodurch er beispielsweise mit Warhol eine gemeinsame Ebene hatte. Er führte mit Filz, Honig oder auch Schokolade Materialien in die Bildhauerei ein, die hochsensorisch und energiespeichernd sind, vor allem aber die für Beuys zentrale theologische Lehre der Transsubstantiation verkörpern, der metamorphotischen Gestaltwandlung unter vollständiger Energieerhaltung. Die katholische Prägung seiner niederrheinischen Kindheit mit ihren alle Sinne ansprechenden weihrauchgeschwängerten Kirchen plus Gesang und Bienenwachskerzenduft ist im Werk nicht zu überspüren, die Schau „Beuys und das Mittelalter“ im Kölner Museum Schnütgen hatte dies 1997 präzise herausgearbeitet.

„Ja, Ja, Ne, Ne“ und starke Bilder in der Endlosschleife

„Biblisch“ an Beuys ist auch die Art seiner Schilderungen: Beim von ihm bevorzugten mündlichen Vortrag in rheinisch-melodischem Prediger-Singsang („Ja, ja, ne, ne“); im schweigsameren Modus einer Performance in Form von wenigen starken Bildern, die eine gesamte Aktion wie die Aachener auf ein einziges Schlagbild verdichtet: Ein Student hatte ihm auf die Nase geschlagen, blutend hob er „instinktiv“ ein Kreuz empor und machte den Heilandssegensgestus. Derartige „starke Bilder“ und Gesten waren tief verwurzelt in ihm und konnten im Affekt sofort aus dem Körpergedächtnis abgerufen werden. Für Beuys war es Christus, der durch seine Worte die Schöpferkraft in den Menschen implantierte, womit zugleich jeder ein Künstler wurde. Er hatte kein Problem damit, für seine Idee der Sozialen Plastik als Menschenfischer im biblischen Sinn bezeichnet zu werden, seine messianische Sendung und sein Reden und plastisches Formen in Gleichnissen sind evident. Das in der mittelalterlichen Christus-Nachfolge so prägnante Soter-Motiv, dass der wahrhaft Überzeugte seine Mitmenschen heilen könne, hat er wie wenige andere Künstler ausgestellt.

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