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Fotokunst : Schlagzeilen als Selbstporträt

Seht, da steh’ ich: Sieverding vor ihrem Fotogramm „Kontinentalkern 0/XVII/80“ Bild: Freddy Langer / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Fotokünstlerin Katharina Sieverding zum achtzigsten Geburtstag: Das Museum Frieder Burda versammelt in Baden-Baden Arbeiten aus fünf Jahrzehnten.

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          Ob Tag oder Nacht und selbst bei Regen: Über dem Museum Frieder Burda in Baden-Baden strahlt die Sonne. In hitzigem Blau. Eine Kugel, wie zur Explosion bereit, mit lauter kleinen Armen drum herum, nervös winkend, als warnten sie irgendjemanden. Vielleicht die Menschheit, vielleicht das Weltall. Katharina Sieverding nennt die digitale Filmprojektion, die aus zweihunderttausend Satellitenaufnahmen der NASA zusammengesetzt in gigantischer Größe über dem Eingang flammt, ein Selbstporträt.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Was aus zweierlei Gründen nicht überrascht. Denn zum einen ist sie seit jeher der Fixstern im Universum ihrer Kunst, zum anderen gebraucht sie den Begriff des Selbstporträts immer wieder gern. In der Ausstellung in Baden-Baden etwa heißt so auch eine Arbeit, für die sie die Überschriften Hunderter von Rezensionen ihres Werks an- und übereinandergestellt hat. Da steht dann „Zum Himmel mit der Hölle“ oder „Im Kraftwerk der Gefühle“, „Unheimliche Domina und Prophetin“, auch „Sphinx gibt unlösbare Rätsel auf“, was ihr besonders gut gefallen haben dürfte, denn ihre Kunst ist eine des Sowohl-als-auch, nicht des Entweder-oder. „Alles andere“, sagt sie, „wäre ein Missbrauch der Kunst. Wäre Propaganda.“

          Mal jünger, mal älter

          Katharina Sieverding war nach Baden-Baden gekommen, um den Aufbau ihrer von Udo Kittelmann kuratierten Ausstellung zu begleiten. Dass sie am heutigen Dienstag achtzig Jahre alt wird, nimmt man ihr nur ungern ab – zumal sie sich mit einem von ihr erfundenen Datum bisher jünger gemacht hatte. Aber man sieht es ihr auch nicht an, wenn sie als ihr eigenes Markenzeichen, hinter der Sonnenbrille verschanzt, die Lippen dick rot bemalt und das rote Haar zum Zopf gebändigt, in engen Jeans und Cowboystiefeln energisch durch die Hallen stampft. Und man merkt es nicht, wenn sie spricht. Überlegt, präzis, druckreif. Nicht anekdotisch, sondern immer analytisch. Nur dort, wo es ganz besonders kompliziert wird, wie bei „Steigbild X“ aus jener Serie, mit der sie 1997 den deutschen Biennale-Pavillon in Venedig ausstattete, liest sie vorsichtshalber aus dem Begleitheft zur Ausstellung vor: „Organische Flüssigkeit, wie Blut und eine Lösung aus Metallsalz, werden auf Filterpapier zum Steigen gebracht, woraufhin charakteristische wie auch differenzierte Fließformen entstehen, die qualitativ ausgewertet werden können.“ Es ist dies eine Möglichkeit alternativer, medizinischer Untersuchungen. Doch sie wertete das Ergebnis nicht aus. Vielmehr bringt sie das dramatische Rot des aufquellenden Steigbilds mit der radiologischen Abbildung eines Schädels zur Deckung – und bläst das Ganze auf zum Format von drei Meter fünfundsiebzig auf drei Meter. Dem wohnt eine schädelsprengende Qualität inne.

          Steigbild X, 1997
          Steigbild X, 1997 : Bild: Katharina Sieverding/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

          Kompliziert ist bei Katharina Sieverding genau genommen alles. Immer schon. Selbst dort, wo sie Bilder von bezwingender Schönheit geschaffen hat, wie in der „Transformer“-Serie mit dem androgynen Mischwesen, für das sie solarisierte Konterfeis von sich und ihrem Partner Klaus Mettig übereinandergelegt hat, bleibt ein Moment von Verunsicherung, vielleicht sogar Bedrohung. Ist das die Auslöschung des Selbst, oder entsteht Individualität überhaupt erst durch die Bereitschaft, sich zu verwandeln? Was die Selfie-Generation mit einem Schulterzucken abtut, führt bei Sieverding zu einer lebenslangen, exzessiven Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein.

          Die Schau in Baden-Baden, ein opulent aufbereiteter Querschnitt durch fünf Jahrzehnte ihres Lebenswerks, hat es schon einmal gegeben. In Hamburg, vor gut einem Jahr. Aber damals herrschte Lockdown – und sie blieb nahezu für die gesamte Dauer geschlossen. Der Neuanlauf in Baden-Baden steht bisher unter einem glücklicheren Stern. Findet aber unter anderen Bedingungen statt. In Hamburg hingen die Bilder im Ambiente rauer Industriearchitektur. In Baden-Baden schmücken sie die eleganten, lichtdurchfluteten Hallen von Richard Meier. Dass sie das nicht unbedingt erträglicher macht und ihnen nur selten den Anflug von Vornehmheit verleiht, spricht für die Arbeiten. Die Grenze der Zumutbarkeit verliert Katharina Sieverding nur selten aus den Augen. „Kunst ohne Störfaktor ist nicht denkbar“, sagt sie. Bei Jenny Holzer hieße solch ein Satz „Truism“.

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