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Werke von Karin Sander : Ungeschützter Briefverkehr

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Sie führen ein Eigenleben bis hin zum Zerfall: Das KunstMuseum Winterthur zeigt Karin Sanders Werke, von denen sich nicht wenige laufend weiterentwickeln.

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          Zuerst fällt Karin Sanders Intervention im Kunstmuseum Winterthur gar nicht weiter auf, so harmonisch fügt sich ihr „Mailed Painting“ mit seinen zwei horizontalen Paketbändern auf weißer Leinwand unter die an der Wand hängenden Mondrian-Bilder. Dabei hatte Sander diesen Ready-made-Mondrian nicht einmal geplant. Ihre „Mailed Paintings“ bestehen aus einfachen, weiß grundierten Leinwänden, die ungeschützt auf dem Postweg verschickt werden und ein Palimpsest von Spuren dieser Reisen offenbaren. Es war daher allein die Entscheidung der Postbeamten, schwarze Bänder um die Leinwand zu legen, damit sie besser von ihrem Besitzer nach Winterthur transportiert werden können. Auch nach Ende der Ausstellung werden die Transporteure wieder Hand anlegen, und das „Mailed Painting“ wird, abermals verändert, bis zur nächsten Reise bei seinem Sammler hängen.

          Insofern passt es gut, dass in Winterthur im selben Raum Hans Arps „Konstellationen“ hängen. Doch während in diesen Pionierarbeiten zufallsgenerierter Kunst Arp selbst die Schnipsel auf ein Blatt fallen ließ, um die so entstandenen Anordnungen dann bisweilen plastisch nachzubilden, gibt Sander die Kontrolle über die Werke komplett aus der Hand. Wie so oft bei ihr entstehen die „Mailed Paintings“ in einem offenen, auch zeitlich nicht abgeschlossenen Prozess von Interaktionen, sei es mit Menschen oder auch der Umwelt.

          Die „Mailed Paintings“ (2004-2017) entwickeln sich mit dem Versand weiter.
          Die „Mailed Paintings“ (2004-2017) entwickeln sich mit dem Versand weiter. : Bild: Karin Sander/VG Bild-Kunst, Bonn

          Letzteres zeigt sich besonders in den „Kitchen Pieces“, die sich wie ein Fries an der Wand des gesamten Erweiterungsbaus des Kunstmuseums entlangziehen. Hierbei handelt es sich um Kartoffeln, Fenchel, Brokkoli und ähnliches Gemüse, das sie für den gesamten Verlauf der Ausstellung an die Wand genagelt hat und das sich beim Verwelken in eigentümliche Gebilde transformiert, bis sie kaum mehr an ihre ursprüngliche Form und Farbe erinnern. Sie haucht also Leben in dieses Gemüse, was sich besonders gut in den Interventionen im Museum Reinhart am Stadtgraben zeigt, einer Dependance des Kunstmuseums, die Sander ebenfalls punktuell bespielt. Hier hängte sie einen leuchtend grünen Salatkopf auf die rote Wand des Alte-Meister-Saals. Neben den niederländischen Stillleben wird der sich ständig verändernde Salatkopf quasi zu einer nature vivant, wobei er beim langsamen Vergehen deren Vanitas-Gedanken nur umso anschaulicher verkörpert.

          Bei Sander wird die Utopie der Moderne, Wirklichkeit und Kunst zusammenzubringen, Realität – allerdings nur, um die Sinne für die ästhetische Dimension der Wirklichkeit zu sensibilisieren. Das geschieht nicht ohne Witz und Ironie. So hat sie im Erweiterungsbau teilweise einen doppelten Boden eingefügt. Beim Betreten besteigen die Besucher somit einen Sockel und werden dabei selbst zu Skulpturen, ähnlich wie in den 3D-Bodyscan-Figuren, mechanisch generierte Kleinplastiken im Maßstab 1:5, die Sander von lebenden Personen hergestellt hat. Auf dem erhöhten Boden stehend, kann man in einen wiederum rot gestrichenen Raum blicken, in dem die Gemälde hängen, die den Werken Sanders im Museum Reinhart weichen mussten. Doch handelt es sich nicht einfach nur um einen Nachbau des ursprünglichen Kontextes. Durch die erhöhte Position verändert sich auch die Wahrnehmung der Alten Meister, auf die man nun herabblickt.

          Zwei der 3D-Bodyscan-Figuren hat Sander auf den sockelförmigen Endstücken des Treppenhausgeländers im Museum Reinhart plaziert. Dort, wo man monumentale Steinskulpturen von mächtigen Männern erwartet, verlieren sich jetzt Miniaturfiguren von neuen „Helden“, die ganz ohne das Imponiergehabe des neunzehnten Jahrhunderts auskommen und selbstverständlich Frauen sein können wie die Regisseurin Mary Harron („American Psycho“) oder offen Homosexuelle wie der Schauspieler John Waters.

          So untergräbt Sander allenthalben Autoritäten – nicht zuletzt die des Künstlers. Sie verzichtet auf die Gestaltung und gewissermaßen sogar auf die Verantwortung für ihre Werke, indem sie ein Projekt konzipiert, dessen Entfaltung sie dann dem jeweiligen Kontext und Beteiligten überlässt. So stellt sie es eben Harron und Waters frei, wie sie sich in den mechanischen Bodyscan-Figuren präsentieren. In den Glasvitrinen von „Identities on Display“, die im Museum als Garderobe dienen, arrangieren die Besucher ihre Jacken und Taschen nach Lust und Laune und erzeugen dabei Stillleben, in denen sie nolens volens Züge ihrer Persönlichkeit offenbaren.

          Am explizitesten ist diese Ermächtigung der Besucher im Gästebuch, das sich in einem zentralen Raum des Erweiterungsbaus befindet. Dort fordert Sander die Besucher auf, Kommentare statt ins Buch auf ein Blatt Papier zu schreiben und sie dann gerahmt irgendwo im Raum anzubringen. So wird der sich im Verlauf der Ausstellung füllende Raum zu einem kollektiven Werk, innerhalb dessen jeder Beteiligte jedoch weitgehende Autonomie bewahrt. Die Bemächtigung der Rezipienten zu aktiven Teilhabern beschränkt sich auch nicht auf die Besucher. Anstelle eines traditionellen Ausstellungskatalogs hat Sander die Krimiautoren Zoë Beck und Oliver Bottini gebeten, jeweils Erzählungen zu schreiben und sich dabei vage von ihrem Werk beeinflussen zu lassen. Auch die sechs Buchdeckel hat nicht Sander entworfen, sondern der Grafikdesigner Andreas Uebele. So wird Sanders Werk buchstäblich Fiktion. Die Dialektik von Sanders Projekt besteht also darin, dass sie aus Kunst Leben macht, nur um beide während des Prozesses zu transformieren, indem sie wieder Kunst aus dem Leben formt. Ihre Fiktionen aktivieren die Realität, um uns für die ästhetischen Möglichkeiten zu sensibilisieren, die der Alltag mit seinen Erfahrungen bereithält. Damit verdeutlicht Sander, wie die Realität aus Fiktion konstruiert ist und vice versa. In Zeiten von Fake News, in denen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zusehend verschwimmen und die Fiktion droht, Realität zu werden, ist die Wahrnehmung dieses Abhängigkeitsverhältnisses dringlicher denn je.

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