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Gartenreich Wörlitz : Die Nymphe unter dem Vulkan

Ein gebautes Symbol für die Zähmung der wilden Natur und der bösen Triebe: die Insel Stein mit dem Vulkan und der Villa Hamilton im Park Wörlitz Bild: KsDW/Bildarchiv/Heinz Fräßdorf/Peter Dafinger

Nach fast drei Jahrzehnten ist die Felseninsel Stein im Wörlitzer Gartenreich endlich ­fertig restauriert. Zugleich macht der Klimawandel der Welterbestätte zu schaffen. Doch die zuständige Kulturstiftung steckt in einer Krise.

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          Wörlitz schwitzt. Über dem See, der das Herz des Gartenreichs bildet, brütet die Hitze. Der Wasserspiegel in dem flachen Gewässer ist um einen halben Meter gesunken, die Kanäle, die von hier aus zu den Teichen am Rand der weitläufigen Parkanlagen führen, sind für den Gondelverkehr gesperrt. An den Ufern wirbelt der Augustwind Staubwolken über dem verbrannten Gras auf. Die Buchen vor dem Wörlitzer Schloss, deren Vorgänger Goethe bei einem seiner Besuche gezeichnet hat, werfen ihre Blätter ab, aus den Baumgruppen auf der anderen Seite des Sees ragen Skelette vertrockneter Fichten und Kiefern. An der Felseninsel Stein haben die fallenden Wasser den Blick auf die Fundamente freigegeben. Nun sieht man, dass die Insel eben nicht auf Felsen, sondern auf Betonpfeilern ruht, die nach der Jahrtausendwende mit großem Aufwand unter ihre Bauten aus Findlingen und Ziegelsteinen gezogen wurden.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist der dritte Sommer seit 2018, der Wörlitz die Dürre bringt. Zuvor, in den Jahren 2002 und 2013, wurde das Gartenreich zweimal vom Elbhochwasser heimgesucht, im ersten Fall verheerend, im zweiten Fall moderat. Seither aber deutet die Großwetterlage auf Austrocknung. Es ist ein Problem, mit dem Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der Erbauer des Parks, vor zweihundertfünfzig Jahren nicht gerechnet hat. Schon kurz nach dem Beginn der Arbeiten in Wörlitz, im Frühjahr 1771, suchte eine Elbflut das nahe an den Flussauen gelegene Parkgelände heim. Zum Schutz der Anlagen ließ der Fürst einen Deich aufschütten, auf dem drei der schönsten Gebäude des Gartenreichs entstanden, das Pantheon, der Venustempel und die Luisenklippe. Doch vom Treibhauseffekt und der drohenden Versteppung Mitteleuropas konnte er nichts ah­nen. Sein anhaltinisches Parkparadies ist auf verlässlichen Regen gebaut.

          Hier wurde Goethes „Iphigenie“ aufgeführt: das Amphitheater auf der Insel Stein
          Hier wurde Goethes „Iphigenie“ aufgeführt: das Amphitheater auf der Insel Stein : Bild: KsDW/Bildarchiv/Heinz Fräßdorf/Peter Dafinger

          So entblößt der Klimawandel die Achillesferse des Wörlitzer Gartenreichs: seine Größe. Mit hundertzwölf Hektar Fläche ist es eine der ausgedehntesten europäischen Parkanlagen. Ein Terrain von solchen Ausmaßen lässt sich nicht künstlich bewässern. Deshalb trifft jeder Hitzesommer den Welterbe-Park in seiner Substanz. Bereits 2018 mussten Hunderte Bäume gefällt werden. Zudem untergräbt die Einschränkung des Gondelbetriebs die finanzielle Basis der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, die das Gelände verwaltet. Zwar besuchen jährlich eine Million Menschen den Park, aber nur ein Bruchteil von ihnen zahlt Eintritt in ei­nes der Museumsschlösser oder löst ein Ticket für eine Bootsfahrt. Dennoch sind ihre Beiträge ein unverzichtbarer Teil des Stiftungsbudgets.

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