Wayne Thiebauds Cakes in Basel : Süßer Overkill
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Girl with pink hat, 1973 Bild: Katherine Du Tiel/Wayne Thiebaud Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Tradition statt Pop-Art und Farbe wie Zuckerguss: Die Fondation Beyeler zeigt die Bilder des amerikanischen Malers Wayne Thiebaud.
Kuchen, Kuchen, Kuchen. In schier endlosen Reihen und den zuckrigsten Farben. Mehrstöckig, vielschichtig, im Ganzen und in Teilen. Groß und zum Greifen nah. Dieser süße Overkill verursacht aber kein Völlegefühl. Denn die Confiserien verhehlen nicht, dass sie das Werk eines Malers sind. Wayne Thiebaud hat sie auf die Leinwand gebracht und die pastose Ölfarbe dabei verarbeitet wie Sahne und Zuckerguss. In den frühen Sechzigerjahren kam er mit diesen Motiven zu erstem Erfolg.
Der 1920 in Arizona geborene Künstler, der die längste Zeit seines Lebens in Kalifornien zu Hause war und dort erst kürzlich im gesegneten Alter von 101 Jahren starb, lehrte nach unterschiedlichsten Jobs und einem Kunststudium auch selbst. Zu seinen Schülern zählten Mel Ramos und, was eher überrascht, Bruce Nauman. Indes war Thiebaud vor allem in seiner amerikanischen Heimat bekannt. In Europa servierte man meist nur Kostproben seiner Backwaren. „Cake Counter“ beispielsweise gehörte zu den Exponaten der Themenschau „Shopping“, mit der Max Hollein 2002 seinen Einstand als Leiter der Frankfurter Kunsthalle Schirn gab. Nun aber gewährt ihm die Fondation Beyeler in Basel einen großen Auftritt: Die von Ulf Küster kuratierte Ausstellung versammelt 65 Positionen aus sämtlichen Perioden eines sechs Dekaden umspannenden Schaffens.
Allen voran die Darstellungen der wie im Schaufenster präsentierten Kuchen-Variationen, mit denen Thiebaud freilich keine fotorealistische Illusion geschaffen hat. Bestimmt werden die Kompositionen vielmehr durch Zylinder, Kreise, Quader, Parallelogramme und andere geometrische Formen, die damit zu ironischen, weil mit malerischen Mitteln hervorgebrachten Referenzen auf die malereifeindliche Minimal Art werden. Die serielle Wiederholung, die auch in einem Titel wie „Pies, Pies, Pies“ anklingt, bringt außerdem nicht nur die Überfülle des Wohlgeschmacks zum Ausdruck, sondern verweist zugleich auf die Anfänge der Abstraktion.
Absage an die Pop-Art
Aus gutem Grund bildet aber eine andere Arbeit den Auftakt des thematisch gegliederten Rundgangs: Bei „35 Cent Masterworks“ handelt es sich um zwölf paraphrasierte Gemälde von Velázquez bis Mondrian, die auf Postkartengröße geschrumpft sind und in einem wenig soliden Verkaufsständer feilgeboten werden. Während Thiebauds Zuckerbäckereien wirken wie Kunstwerke, verhält es sich nun umgekehrt: Kunsthistorische Inkunabeln werden zu Massenprodukten, die potentiellen Käufern im Weg stehen wie Quengelware an der Supermarktkasse. Das Bild ist aber vor allem deshalb Programm, weil es Thiebauds Vorbilder benennt und damit eine Absage an die Pop-Art ist, der man seine Kunst schnell zugeschrieben hat. Dazu beigetragen hat auch die Vorliebe des Künstlers für Disney-Sujets, die während eines Ferienjobs des Teenagers in den berühmten Filmstudios ausgelöst worden sein dürfte. So hängt in Basel neben den „Masterworks“ eine kleine, aber sehr präsente „Mickey Mouse“, deren Schatten – inzwischen haben die Bilder laufen gelernt – die Form einer Kamera hat.
Tatsächlich dekliniert Thiebaud in seinem Werk mehrere Jahrhunderte westlicher Kunstgeschichte durch. „Woman in Tub“ etwa zeigt eine Frau in einer Badewanne. Von ihr sieht man nur ihren naturalistisch im Profil abgebildeten Kopf, der sich umso klarer von der allein durch waagrechte Linien und Flächen angedeuteten Umgebung abhebt und wie vom Körper abgetrennt wirkt. Neben dem klassischen Motiv einer Badenden rufen die Badewannenszene, der undefinierte Hintergrund und die quer geteilte Leinwand unweigerlich Jacques Louis Davids „Tod des Marat“ vor Augen. Durch das extreme Querformat und die Betonung der Waagerechten erinnert das Bild gleichzeitig an Pierre Bonnards 1925 entstandenes „Bad“. Caspar David Friedrich wiederum hätte wohl seine Freude an der übermächtigen Natur gehabt, die in „Passing Cloud“ Gestalt annimmt: Die titelgebende Wolke füllt quasi die gesamte Leinwand und lässt die Burg darunter aussehen wie ein Bauklötzchen.
Hotdogs mit Hopper-Tristesse
Dagegen hat eine Studentin, obwohl Thiebaud sie 1968 gemalt hat, nichts Revolutionäres an sich. In ihrer Pose mischen sich stattdessen Venus und Herrscherbildnis. Hopper-Tristesse liegt in den Gesichtern eines Hotdogs verspeisenden Paares, während Glücksspielautomaten wie Denkmale der Neuzeit und in disparater Verbindung mit geometrischen Liniengebilden erscheinen, die an den Sol LeWitts Minimalismus erinnern.
An die traditionellen Bildgattungen hält sich Thiebaud ohnehin. Neben Torten-Stillleben und intensiven Porträts irritieren besonders seine Landschaften, die die Regeln der Perspektive außer Kraft setzen. Von grafisch stilisierten Plantagen umgebene Wasserbecken etwa. Dass Vorderansicht und Draufsicht dort in eins zu fallen scheinen, rückt den Horizont in surreale Nähe. Noch aberwitziger geht es in den Veduten zu, die San Franciscos hügelige Topographie ins Absurde steigern: Straßen werden zu Mauern, und Autos bewegen sich auf der Höhe von Wolkenkratzerspitzen. Gleichzeitig tun sich ähnlich gewaltige Tiefen auf wie in nachtblauen, oft nahezu abstrakten Bergwelten.
Thiebauds Malereien erfasst man auf den ersten Blick. Vieles geben sie trotzdem erst bei näherem Hinsehen preis. So erzeugt ein virtuoses Zusammenspiel aus Grund- und Komplementärfarben impressionistisch flimmernde Konturen, schillernde Schatten und ein bemerkenswert vielfarbiges Schwarz. Aufmerksamkeit verlangen auch teilweise winzige Bildelemente. Die Bäumchen etwa, die sich auf monumentalen Felsen der Kraft des Sonnenlichts entgegenstemmen und in die Waagrechte wachsen. Thiebaud hat nicht kokettiert, wenn er sich auch verbal gern von der Pop-Art abgrenzte. Seine mit einer romantischen Freude am Schönen angereicherten Darstellungen vom alltäglichen Überfluss konsumiert man so leicht wie ein Stück Cremetorte.
Wayne Thiebaud. Fondation Beyeler Riehen/Basel; bis 21. Mai. Der Katalog kostet 58 Euro.