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Wayne Thiebaud zum Geburtstag : Dieser Klassiker ist unter uns

Er steht mit seinen unverwechselbaren Bildern für die Pop Art an der amerikanischen Westküste. Dem Maler Wayne Thiebaud zum hundertsten Geburtstag.

          3 Min.

          Seine Gemälde sind in Europa noch immer bekannter als der Name ihres Schöpfers. Beinahe jeder hat schon einmal eines dieser gemalten Tortenstücke und Sahnetörtchen gesehen, einen dieser Lollies oder eine dieser Eistüten. Sie paradieren oft in Serien, angeordnet zu stark bunten Auslagen in neonhell beleuchteten Vitrinen. Mit einer regelrechten Phalanx der sweetness überwältigen die Bilder ihre Betrachter, veritabler Overload an Zuckrigkeit. Doch diese Verlockungen sind auch hinterlistig.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Werke von Wayne Thiebaud werden oft der amerikanischen Pop Art zugeschlagen. Aber nicht alles, was dort vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren produziert wurde, ist so einfach über einen Kamm zu scheren. In mancher Hinsicht ist Thiebaud, mit seinem sehr speziellen Blick auf die Warenästhetik, der Pop Art, wie sie an der Ostküste gedieh, vielleicht sogar vorausgegangen. Geboren wurde er 1920 in Mesa in Arizona, seine Eltern waren Mormonen. Als er ein Jahr alt ist, zieht die Familie in den Süden Kaliforniens um. Noch während seiner Zeit an der High School in Long Beach zeichnet er für die Walt Disney Studios „in-betweens“, also Zwischenphasen-Zeichnungen für Animationsfilme, etwa von Goofy oder Pinocchio; diese Trickfilm-Initiation wird seine künstlerische Arbeit lebenslang mitprägen. Danach arbeitet er als Cartoonist in der „First Motion Picture Unit“ der United States Army Air Forces. Von 1960 bis 1991 unterrichtet er an der University of California in Davis, seitdem weiterhin als Emeritus.

          Warhol und Thiebaud können als Antipoden gelten

          Thiebaud gehört, wie zum Beispiel Richard Diebenkorn, zur ersten Generation der „Bay Area Figurative School“, die an der amerikanischen Westküste beheimatet ist. Auch diese Künstler setzten sich mit ihrer gegenständlichen Malerei vom in Amerika damals übermächtigen Abstrakten Expressionismus ab. Das ist eine Ambition, die sie mit den Kollegen an der Ostküste in New York teilen. Dort steht dafür natürlich Andy Warhol, der, geboren 1928, acht Jahre nach Thiebaud, 1987 früh verstarb. Warhol und Thiebaud können als Antipoden gelten – wobei der entscheidende Unterschied in der Gemachtheit ihrer Bilder liegt. Warhol verflacht die Oberflächenreize – zumal die der Werbung entstammenden, die damals erst als spezifische Ästhetik erkannt wurde – provokant in seinen Siebdrucken, bis hin zu Katastrophenszenen aus den Massenmedien. Thiebaud dagegen vertieft die einfachen Dinge des Konsums in der Wahrnehmung, macht sie in ihrer Präsenz und Aufdringlichkeit nachgerade plastisch. Er packt auf seine Gemälde dicke Pigmente in übertriebener Farbigkeit. Seiner immer wieder zum Sujet gemachten, banalen pastry, dem süßen Gebäck, verpasst er den optisch durchaus angemessenen, eben pastosen Farbauftrag.

          Das ist Thiebauds Art, der Kulinarik die Unschuld zu nehmen, sie als Form des herrschenden Konsumismus zu entlarven. Er malt fort und fort Stillleben – allerdings der so noch nicht gesehenen Art; das ist die Kehrseite seiner offensichtlichen Obsession mit der Attraktivität von, anscheinend besänftigenden, Lebensmitteln. In seinen Stillleben ist aber gar nichts Lebendiges mehr: Die Bilder sind nicht länger „Nature morte“, sondern aufbereitete Materie – Teig, Sahne, Candy. Und dabei werfen alle diese tagtäglichen Verführungen ihre sehr scharfen Schatten, die sie aus aller rein realistischen Wahrnehmung herausnehmen.

          Thiebauds reizvolle Ding-Gemälde tendieren gelegentlich sogar ein wenig zur Abstraktion. Aber viel mehr erinnern sie an den kaum zwei Jahrzehnte älteren Zeitgenossen Edward Hopper, der solche Unterkühlung an den Personen seiner Bilder exerziert hat. Und wer hinsieht, wie Thiebaud seine weniger bekannten perspektivlos geschachtelten Stadt- und Landschaftsbilder baut, kann in ihrer Tektonik, sogar bis hin zu den Farben, den Nachhall von Paul Cézanne erkennen. Als Wayne Thiebaud am 15. November 1920 geboren wurde, war Cézanne, dieser Gigant auch für die europäische Kunst, erst seit vierzehn Jahren gestorben.

          Wayne Thiebaud hat keine Nachfolger gefunden; sie hätten ohnehin nur wie Nachahmer ausgesehen. Außerdem war seine Art zu malen nicht länger à la mode, was ihn nicht gestört haben muss. Der 1935 geborene, vor zwei Jahren gestorbene Künstler Mel Ramos hat ihn seinen Lehrer genannt. Wobei Ramos diese speziell verfeinerte Warenästhetik in den berühmten ironischen Pin-up-Bildern fortgesetzt hat, sie sind freilich schattenlos geblieben. Dass der Kunstmarkt längst auf Thiebaud zugreift, ist dabei kein Wunder; vor einem Jahr kostete „Encased Cakes“, einer seiner süßen Glaskästen, in einer New Yorker Auktion knapp 8,5 Millionen Dollar. Das macht sein Werk nicht schwächer.

          Heute kann Wayne Thiebaud, der unabdingbar zum Kanon der amerikanischen Kunst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gehört, seinen hundertsten Geburtstag begehen. Wir gratulieren einem lebendigen Klassiker.

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