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Watteau-Ausstellung in Berlin : Die Grazien haben ihren Preis

Ein Schauspiel des Kaufens und Verkaufens von Kunst: Antoine Watteaus „Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“ Bild: Wolfgang Pfauder/SPSG

Eine Ausstellung im Schloss Charlottenburg erzählt, wie das Werk des Rokoko-Malers Antoine Watteau nach seinem Tod vermarktet wurde. Im Mittelpunkt steht ein Bild, das Watteau für den Pariser Kunsthändler Gersaint geschaffen hat.

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          Ein besonderer Reiz von Watteaus „La­den­schild des Kunsthändlers Gersaint“ liegt darin, dass es, anders als die meisten Werke des Malers, kein reines Fantasiebild ist. Es zeigt reale Personen in einem realen Raum. Links ist ein Gehilfe gerade dabei, ein Por­trät Ludwigs XIV. in eine Kiste zu packen. Ein anderer trägt einen Spiegel, ein dritter wartet mit einem Holzgestell auf dem Rü­cken auf seinen Einsatz. In der Mitte reicht ein Kavalier im weinroten Rock ei­ner Da­me in rosa Seidenrobe, die gerade das La­den­ge­schäft betritt, seine Hand; ihr rechter Fuß steht noch auf einem Pflasterstein. In der rechten Bildhälfte präsentiert Gersaint persönlich einem älteren Paar eine Waldszene mit nackten Nymphen im ovalen Rahmen. Der Mann hat sich hingekniet, um die Frauenkörper durch sein Lor­gnon besser begutachten zu können; seine Be­glei­te­rin studiert derweil stehend das ge­mal­te Blattwerk. Rechts von der Gruppe blickt eine sitzende junge Frau im silbergrau ge­streif­ten Kleid in einen Spiegel, den ihr eine Verkäuferin hinter der Theke hinhält. Zwei junge Männer, offenbar ihre Be­gleiter, schauen ebenfalls hinein. Auf dem Straßenpflaster vor ihnen leckt sich ein Hund die Flöhe aus dem Fell.

          Er starb in den Armen des Kunsthändlers

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Szene ist ein Schauspiel des Sehens und Gesehenwerdens. Fast jeder der Dargestellten richtet seinen Blick auf ein Bild oder Spiegelbild – die angeschaute Kunst schaut in Gestalt kunstvoll gekleideter Menschen auf die Betrachter zu­rück. Zu­gleich wird das Schauspiel ihrer Vermarktung aufgeführt. Rechts steht eine Kaufentscheidung bevor, links ist der Kauf bereits abgewickelt; im Hintergrund warten weitere Gemälde und Prunkspiegel auf Käufer. Watteau hat das ur­sprünglich dreieinhalb Meter breite Bild für die halbrunde Fläche unter dem Eingangsbogen von Gersaints Kunsthandel auf dem Pont Notre-Dame gemalt. Was es den Be­trach­tern versprach, die an dem Geschäft vorbeikamen, war es auch selbst: ein Stück Ware.

          In der Ausstellung, die die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zum dreihundertsten Todestag Watteaus im Schloss Charlottenburg ausrichtet, ist das „Ladenschild“ der Ausgangspunkt verschiedener historischer Entwicklungslinien, die vom frühen achtzehnten Jahrhundert zum heutigen globalen Kunstmarkt führen. Ein Protagonist dieser Entwicklung war der Kunsthändler Gersaint. Im Juli 1721 starb der an Tuberkulose er­kran­kte Maler in Nogent-sur-Marne in seinen Armen. Im Vorjahr hatte Watteau sechs Monate lang in den Privaträumen über Gersaints Ladengeschäft auf der No­tre-Da­me-Brü­cke gewohnt. An­stelle einer Mietzahlung malte er sein Bild, angeblich in nur acht Tagen.

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          Gersaint wusste, was er an Watteau hatte, der seit 1717 Mitglied der Königlichen Kunstakademie war. Deshalb ließ er das „Ladenschild“ nur zwei Wochen lang hängen, dann machte er es zu Geld. Nach Watteaus Tod verkaufte er die Zeichnungen, die der Maler ihm hinterlassen hatte, sowie Stiche nach Watteau-Werken. Später schloss er sich mit dem Kunstsammler Antoine de la Roque zusammen, der in seiner Zeitschrift Mercure de France Gersaints Warenlisten publizierte. Als Erster seines Gewerbes gab Gersaint zudem Sortimentskataloge heraus, in denen die Reproduktionen mit biographischen Skizzen der Künstler versehen waren.

          Zur gleichen Zeit ließ der Sammler und Go­belinfabrikant Jean de Jullienne vierzig Gemälde und vierhundertfünfzig Zeichnungen von Watteau in Kupfer stechen. Als der „recueil Jullienne“, das erste Werkverzeichnis Watteaus, 1735 in einer Auflage von hundert Ex­emplaren erschien, war die vierbändige Edition trotz der Berühmtheit des Künstlers ein Misserfolg. Das lag nicht zuletzt daran, dass viele Einzelblätter mit Stichen nach Watteau-Werken bereits vorab den Weg in die Salons des europäischen Adels gefunden hatten, wo sie die Kaufgelüste von Fürsten und Königen weckten.

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