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„Wände/Walls“ in Stuttgart : Die Tücke der Transparenz

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Im Stuttgarter Kunstmuseum beleuchtet eine Ausstellung das gar nicht so junge künstlerische Interesse an der Beziehung zwischen Werk und Wand.

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          Von innen sehen Ausstellungshäuser heute alle gleich aus. So muss man eine Bilderreihe verstehen, für die Elmgreen & Dragset Wandfarbe aus unterschiedlichen Museen dieser Welt abgetragen haben. Nicht nur sind sie dabei so behutsam vorgegangen, als handele es sich um Fragmente antiker Fresken. Auch haben sie die Abnahmen wie traditionelle Tafelmalerei auf Leinwand aufgezogen und in schwarzem Eichenholz gerahmt. Die weißen Rechtecke im Format von gut eineinhalb Meter Höhe gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Nur eine Aufschrift auf dem Rahmen verrät, wo sich das Künstlerduo jeweils bedient hat.

          Aus dem Kölner Museum Ludwig, der Londoner Hayward Gallery und dem New Museum stammen die Farbschichten, die derzeit zur Ausstellung „Wände/Walls“ im Kunstmuseum Stuttgart gehören. Deren zentrale Fragen formulieren sie so prägnant wie kaum ein anderes Exponat. Denn sie machen die Wand zum Medium und reflektieren damit die gängige Praxis, Kunstwerke wie Heiligtümer vor weißen Wänden zu präsentieren. Gleichzeitig werden sie zu Verweisen auf die Konzeptkünstler der sechziger Jahre, die der Wand größere, nicht selten existentielle Bedeutung beimaßen. Den Gedanken, dass eine Wand mehr ist als eine architektonische Notwendigkeit oder schlichte Hängefläche, brachte Brian O’Doherty in seinen kunsttheoretischen Überlegungen 1976 schließlich auf den Begriff des „White Cube“.

          Yoko Onos gläsernes Labyrinth

          Die Schau illustriert auf drei Etagen, wie sich die künstlerische Auseinandersetzung mit der Wand seither entwickelt hat. Kuratorin Anne Vieth, die ihrem Dissertationsthema auf diese Weise plastische Gestalt gibt, hat dafür dreißig Künstler jeden Alters mit jeweils einem paradigmatischen Werk ausgewählt. In Zeiten zunehmender Nationalstaaterei und wieder entstehender Mauern vermisst man zwar eine explizit politische Position. Die Breite und die Vielschichtigkeit des Gegenstands beleuchtet der bemerkenswert strukturierte Rundgang trotzdem überzeugend.

          Die meisten der teilnehmenden Künstler verhandeln die Wand nicht allein an der Wand, sondern setzen sie ins Verhältnis zum Umraum. Brachial dringt etwa Felix Schramm in die dritte Dimension vor: Eigens für die Ausstellung hat er ein monströs dimensioniertes Objekt geschaffen, das aus Pappe und Holz besteht, in seiner spitzen zersplitterten Form aber an ein Flugzeugwrackteil erinnert. Dass es die Museumswand buchstäblich durchschlägt, verstärkt diesen Eindruck. Eine destruktive Geste anderer Art manifestiert sich bei Monica Bonvicini. Von zotigen Comics begleitete Zitate auf den Innenwänden eines grauen Containers belegen, dass Le Corbusier, Leon Battista Alberti und andere altvordere Architektur-Autoritäten doch tatsächlich zwischen männlichen und weiblichen Eigenschaften von Wänden unterschieden. Die Wut der Künstlerin über diese Haltung dokumentieren wie mit der Axt in die Rigips-Wände gehauene Löcher.

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