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Murano-Ausstellung in Leipzig : Leicht zerbrechliche Ware mit unverwüstlicher Strahlkraft

Gediegene Fachkunst trifft auf geniale Erfindungsgabe: In Leipzig werden an zwei Orten Glasobjekte des zwanzigsten Jahrhunderts aus Murano ausgestellt.

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          Man muss wohl sagen: hinein, solange es noch geht. Vorausschauend hält denn auch das Grassimuseum für angewandte Kunst in Leipzig seine Ausstellung zur Murano-Glaskunst im zwanzigsten Jahrhundert an allen Besuchstagen bis zwanzig Uhr offen, zwei Stunden länger als bislang üblich. So sollen angesichts pandemiebedingt reduzierter Zutrittsmöglichkeiten interessierte Besucher doch noch einigermaßen zahlreich ins Haus gelangen, nachdem sie bereits seit Monaten von der Straße aus Blicke in die Art-déco-Pfeilerhalle des Museums erhaschen konnten, in der seit Anfang November alles schon fertig aufgestellt war. Aber erst vor zwei Wochen durfte die Schau fürs Publikum geöffnet werden. Und wer wagte derzeit die Prognose, dass sie es lange bleiben wird, selbst wenn die Leipziger Inzidenzzahlen weiterhin unter hundert liegen sollten?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Muranoglas ist selbst das Resultat einer erzwungenen Isolation, weil die Republik Venedig im dreizehnten Jahrhundert ihr damals europaweit einmaliges Glashandwerk auf der kleinen Inselgruppe von Murano in der Lagune konzentrierte, um die von der Produktion ausgehende Brandgefahr von der Stadt fernzuhalten und die wertvollen Herstellungsgeheimnisse besser hüten zu können. Während der Renaissance gelang es in Murano dann, farbloses Glas zu blasen – also den Grad der Verschmutzung der Schmelze derart gering zu halten, dass keine Verfärbungen entstanden. Dieses Cristallo-Glas begründete Muranos Ruf, zumal die Glasbläser durch Einbringen von Einlagen aus Glasfäden und -netzen Muster zu erzeugen lernten, die wie textile Gespinste wirkten.

          Verbindung traditioneller Gefäße mit japanischen Formen

          Doch im späten neunzehnten Jahrhundert waren diese Geheimnisse längst verraten, und mit Innovatoren wie Tiffany, Gallé oder den Brüdern Daum war Murano internationale Konkurrenz erwachsen, die mit ihrer Farben- und Formenvielfalt viel moderner wirkte. Das venezianische Glasgeschäft lag darnieder, und es brauchte eine Erneuerung, die mit der ästhetischen Tradition brach, ohne die handwerkliche zu opfern. Das wichtigste Hilfsmittel dabei war die 1895 etablierte Biennale von Venedig, die der Stadt einen künstlerischen Aufschwung bescherte und dem lokalen Kunsthandwerk einen Marktplatz, der ihm vor allem in der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre das Überleben sicherte.

          Das damals regierende faschistische Regime forcierte die Förderung einheimischer Produzenten. Das kam Ercole Barovier, dem Abkömmling einer alten Glasbläserfamilie aus Murano, zugute. Seit 1919 bestimmten seine Entwürfe das Angebot des eigenen Unternehmens, und als er 1933 dessen Leitung übernahm, verschrieb er sich vierzig Jahre lang ganz der Innovation und Herstellung von Glasobjekten, die viel eher Kunst- als Gebrauchsgegenstände und dementsprechend teuer waren. Seine Experimente mit Rohstoffen und Verarbeitungsverfahren machten neue Glasgestaltungen möglich, etwa durch Einfügung von Oxiden oder Metallen in die Schmelze, um gefärbtes oder opakes Glas herzustellen. Alte Techniken aus Murano wie das Aufsetzen verschiedenfarbiger Glasplättchen oder -stäbe zur Gestaltung von Mustern perfektionierte Barovier bis hin zur Simulation malerischer oder textiler Effekte wie in seiner tartangemusterten Flaschenserie „Scozzese“, die er in den sechziger Jahren für den Parfümproduzenten Dior herstellte.

          In Leipzig sind Arbeiten von 1929 an zu sehen, als Barovier mit seiner „Primavera“-Serie Furore machte, deren craquelierte Oberfläche er aber selbst nie wieder reproduzieren konnte. Entsprechend gehören Objekte daraus zu den Rarissima einer Murano-Sammlung, und das Grassimuseum kann sich glücklich schätzen, dass es Zugriff auf die größte deutsche Kollektion dieser Art, die von Lutz Holz aus Berlin, bekommen hat. Aus ihr waren mehrfach in den letzten Jahren Ausstellungen bestückt worden, doch die Leipziger soll dem Vernehmen nach auf absehbare Zeit die letzte gewesen sein. Deshalb ist das Beste aufgefahren, was Barovier geschaffen hat.

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