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John Akomfrah im Kurhaus Kleve : Welt im Rücken

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So melancholisch wie elegisch ist sein Blick auf den ausgebeuteten Planeten: Kleve zeigt die aufwendige räumliche Installation „Purple“ von John Akomfrah.

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          Als er vor einigen Jahren sein umfangreiches Filmprojekt „Purple“ über Umweltverschmutzung und Klimawandel in Angriff nahm, vertiefte sich John Akomfrah in Bildarchive wie jenes der BBC. Dabei entdeckte er auch Material über die Battersea Power Station, ein ehemaliges Kraftwerk im Herzen Londons, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft der 1957 in Ghana geborene Künstler aufgewachsen war. Ernüchtert musste er feststellen, „dass auch ich damals von den Abgasen der Power Station vergiftet wurde“. Objektiv zu bleiben sei ihm hier schwergefallen und so wurde die Arbeit von 2017 nicht nur eines der komplexesten Projekte, auf die er sich je eingelassen habe, sondern „vielleicht auch eines der autobiographischsten“.

          Wo stehen heute solche Dreckschleudern, wer darf weiterhin daran verdienen mit welchen Folgen für die Umwelt? So würde wohl eine heutige Diskurskunst fragen. Doch eine investigative Recherche interessierte den Londoner Autorenfilmer nicht. Stattdessen verlagert der Mitbegründer des einflussreichen Londoner „Black Audio Film Collective“ aus den achtziger Jahren seine Arbeit ins andere Extrem: Er entfaltet ein üppiges Bilderpanorama des Anthropozän und erzählt im Kaleidoskop vom modernen Leben und einem bedrohten Environment.

          Zu melancholisch für einen scharfen Blick

          „Purple“ ist meditativ angelegt, nicht konfrontativ, tönt eher als Lamento denn als Aufbegehren, abseits von tagespolitischer Dringlichkeit. Das unterscheidet die Arbeit von Frühwerken Akomfrahs wie seinem Erstling „Handsworth Songs“ von 1986, einer in den Bann ziehenden Dokumentation über die damaligen Unruhen in Birmingham und London, die angesichts dessen, was Menschen heute an Rassismus aushalten müssen, an Aktualität rein gar nichts eingebüßt hat. Akomfrah hat sich auch als Autor über den Postkolonialismus als wichtige Stimme hervorgetan.

          Die aufwendige räumliche Installation „Purple“, Teil einer filmischen Trilogie und zuletzt an unterschiedlichen Orten wie dem ghanaischen Pavillon bei der Biennale in Venedig gezeigt, ist jetzt die einzige Arbeit in Akomfrahs erster Ausstellung in einem deutschen Museum, die ihm das Kurhaus in Kleve einrichtet: „Purple“. Der Titel ist dem Prince-Hit „Purple Rain“ entlehnt und die dafür eingerichtete Blackbox komplett in Violett getaucht. Auf sechs großen Leinwänden kombiniert Akomfrah grobkörniges Doku-Material von rauchenden Schloten, Arbeit am Fließband oder unter Tage mit Aufnahmen von Geburt, Adoleszenz bis zum fortgeschrittenen Lebensalter. Zudem steuert er Landschaftsbilder bei, die er in unterschiedlichsten Regionen dieser Erde von Grönland bis zu den polynesischen Marquesas-Inseln aufgenommen hat.

          Bilder in Schwarzweiß und in Farbe verkörpern unterschiedliche Zeitebenen von Aufbruch und Ernüchterung, Found footage von Orkanen, Heuschreckenplagen und Ölkatastrophen läuft neben Szenen von Ballett und Jazz; ein kriegerisches Jahrhundert wird angetippt, Potentaten dieser Welt geben sich die Hand, der Blick schweift über rußgeschwärzte Häuser und landet am Ende auf dem Friedhof. Wiederholt plaziert Akomfrah romantische Sehnsuchtsfiguren in Rückenansicht vor Gewässern und Landschaften, was in dem gut einstündigen Werk irgendwann zum Klischee seiner selbst gerinnt.

          Alle Eindrücke greifen in einer Sinfonie von Schönheit und Erhabenheit zu bedeutungsbeladenen Klängen ineinander, nicht zufällig fragte sich eine Kritikerin schon einmal, ob mit vielen Fundstücken dieses Bilderbogens die Industrialisierung nicht ebenso gut auch gefeiert werden könnte. Obwohl die vielen Leinwände die Aufmerksamkeit eigentlich überfordern müssten, ermüdet man keineswegs, vielmehr taucht man in einen wohlkomponierten Fluss der Bilder ein. Doch bei aller formalen Brillanz stellt „Purple“ den Blick auf eine ausgebeutete Umwelt nicht wirklich scharf. Dazu ist diese Elegie zu melancholisch.

          John Akomfrah: Purple. Im Museum Kurhaus, Kleve; bis zum 6. September. Kein Katalog.

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