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Documenta und Antisemitismus : Warum Hito Steyerl ihre Kunstwerke abgebaut hat

„Das ist doch verrückt“: Hito Steyerl im Hörsaal. Bild: Tom Wesse

Auf der Konferenz „Beyond“ wird noch einmal über den Antisemitismus-Skandal der Documenta debattiert. Künstlerin Hito Steyerl erklärt, warum sie ihre Werke von der Kunstschau abgezogen hat.

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          Der Stuhl in der Mitte der Bühne, ein mit grauem Stoff überzogener Eames-Chair, bleibt leer. Eigentlich hätte dort Jehad Ahmad, der Vorsitzende des Vereins Palästinensische Gemeinde in Hessen, sitzen sollen, doch kurz vor der Veranstaltung machte er einen Rückzieher. Die einzige Absage war das nicht. Auch mehrere palästinensische Künstler und Journalisten, die um eine Teilnahme an der Diskussion gebeten wurden, hatten den Veranstaltern einen Korb gegeben. Der leere Stuhl soll es nun deutlich machen: Eine wichtige Stimme fehlt in dieser Debatte. Der Stuhl fungiert deshalb, so sagt es die Künstlerin Hito Steyerl, als „Repräsentanz der Lücke“.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch einmal geht es um die Documenta und ihren Antisemitismus-Skandal am Donnerstagabend im Audimax der University of Applied Science. Die Diskussion, an der, aus welchen Gründen auch immer, kein palästinensischer Vertreter teilnehmen will, ist Teil einer internationalen Konferenz an der Frankfurter Hoch­schule mit dem Titel „Beyond – Towards a Future Practice of Remembrance“. Dort geht es darum, wie sich die Erinnerungskultur an den Holocaust in einem Land, das immer mehr von Migration bestimmt wird, verändern wird, sich verändern soll. Es geht um koloniale Schuld, um Eurozentrismus, um die Frage, ob sich der Holocaust mit anderen Ge­noziden vergleichen lässt. Um Themen also, über die auch auf der Documenta ausführlich hätte diskutiert werden können – aber dort, diese bittere Er­kenntnis muss man gegen Ende der Kas­seler Kunstschau ziehen, war ein offener Diskurs wohl nie erwünscht.

          Kein Ausweg

          Auf dem Podium in Frankfurt jedoch wird lebhaft debattiert. Dort sitzen am Abend des ersten Konferenztags die Journalistin und Schriftstellerin Nele Pollatschek, Julia Yael Alfandari, die Leiterin der politischen Bildung in der Bildungsstätte Anne Frank, und Hito Steyerl, die Künstlerin, die ihre Beiträge zur Documenta, eine Installation und eine Videoarbeit, abbauen ließ, weil sie nicht ertragen konnte, dass über den Antisemitismus auf der Kunstausstellung keine Aus­einandersetzung geführt worden ist.

          Wie vergiftet und festgefahren die Situation auf der Documenta schon zu Beginn war, das machen die Schilderungen von Steyerl deutlich. Sie sah keinen andere Ausweg als ihren Rückzug von der Kunstschau. Auf der Audimax-Bühne schildert sie, wie sie sich in die Ecke gedrängt fühlte. „Das habe ich früh gemerkt: Dort wird kein Diskurs mehr stattfinden“, erinnert sich Steyerl. Sie habe sich gefühlt, als müsse sie sich dazwischen, „ob ich gegen Rassismus oder gegen Antisemitismus bin“, entscheiden. „Ich dachte: Das ist verrückt“, sagte Steyerl. Gerade in einem Land, das von Antisemitismus und Rassismus, von den Anschlägen in Halle, in Hanau und der NSU-Mordserie gleichermaßen ge­prägt sei. „Ich lebe doch nicht in einem Land, in dem Halle oder Hanau stattgefunden hat, sondern in dem Halle und Hanau stattgefunden haben.“

          Julia Yael Alfandari berichtete von der Aufklärungsarbeit, die die Bildungsstätte auf der Documenta an einem Stand auf dem Friedrichsplatz leisten wollte. Doch statt über Antisemitismus und Rassismus zu informieren, wurden sie dort vor allem mit antisemitischen Klischees und Verschwörungsmythen konfrontiert. Meist ka­men diese kruden Äußerungen von Menschen „aus dem deutschen bürgerlichen Milieu“, berichtet Alfandari. „Mir ist dort klar geworden, wie stark Antisemitismus in unserer Gesellschaft noch immer verankert ist.“

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