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Kunstvandalismus : Bildersturm und Alltag

  • -Aktualisiert am

Skulpturenausstellung „Sketch for a Fountain“ der Künstlerin Nicole Eisenmann in Münster Bild: dpa

Eigentlich soll es bei den Skulptur Projekten Münster um das Verhältnis von Kunst und öffentlichem Raum gehen. Nun aber beunruhigt die Frage: Warum kam es innerhalb weniger Wochen zu vier Fällen von Vandalismus?

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          Alle zehn Jahre versuchen sich die Skulptur Projekte Münster an einer Neubestimmung der Rolle von Kunst im öffentlichem Raum. Nach knapp der Hälfte der Laufzeit wandelt sich allerdings die fünfte Ausgabe der Schau zur Prüfung des öffentlichen Respekts gegenüber der Kunst. Innerhalb weniger Wochen kam es in Münster zu vier Fällen von Vandalismus: Im Juni wurde ein LED-Panel aus Ei Arakawas Parade blinkender und singender digitaler Wiedergänger von Malereien auf einer Pferdekoppel am anderen Ende des Aasees gerissen.

          Vor zwei Wochen stahlen Unbekannte aus einer Gruppe aus zwei Bronze- und drei Gipsfiguren, die die New Yorker Künstlerin Nicole Eisenman um ein Wasserbassin angeordnet hat und die aus unterschiedlichsten Körperöffnungen Wasser speien, einen Kopf. In der Nacht zu Montag wurde einer weiteren Figur, ob per Fußtritt oder Stolpern ist unklar, ein Riss zugefügt. In der Nacht zu Dienstag schließlich wurde in das Universitätsgebäude in der Johannisstraße eingebrochen und der Großteil der technischen Ausstattung für eine Videoprojektion von Koki Tanaka gestohlen.

          Das Kunstwerk von Koki Tanaka „Provisional Studies: Workshop #7 How to Live Together and Sharing the Unknown“ in Münster – ebenfalls zu sehen bei den Münsteranern Skulptur-Projekte. Nun aber nicht mehr vollständig: hier wurde Technik entwendet.
          Das Kunstwerk von Koki Tanaka „Provisional Studies: Workshop #7 How to Live Together and Sharing the Unknown“ in Münster – ebenfalls zu sehen bei den Münsteranern Skulptur-Projekte. Nun aber nicht mehr vollständig: hier wurde Technik entwendet. : Bild: dpa

          In Münster bemüht man sich, den Ball flach zu halten. Arakawas Installation wurde repariert, die Technik für Tanaka wird ersetzt, der neue Schaden bei Eisenman ausgebessert, von einer Strafanzeige abgesehen. Den inzwischen wiederaufgetauchten Kopf möchte die Künstlerin als Kommentar entfernt belassen, die Bruchstelle wird lediglich geglättet.

          Kunst im öffentlichen Raum muss freilich immer mit dem Ernstfall rechnen. Der Gründer der Skulptur Projekte, Kurator Kasper König, erinnert daran, wie 1987 Katharina Fritschs gelber Kunststoffguss einer Madonna von Lourdes zunächst fast einem Entführungsversuch zum Opfer fiel und dann nach zweimaliger Beschädigung durch einen Steinguss ersetzt wurde, vor dem schließlich Bürger Blumen niederlegten. Die Aggression gegen Eisenmans „Entwurf für einen Brunnen“ betitelte Arbeit führt König auch darauf zurück, dass diese mit der provisorischen Anmutung von Gips die Erwartungen an Skulptur unterläuft. „Skulpturen von Tony Cragg oder Markus Lüpertz werden schon deshalb als Kunst akzeptiert, weil sie aus Bronze sind“, sagt er. Dagegen sei daran erinnert, dass 2005 auch Lüpertz’ knubbeliger Mozart in Salzburg geteert und gefedert wurde. Seine Variation auf Max Klingers Beethoven in Leipzig wurde von Künstlern der Stadt als „Dilettantismus“ kritisiert.

          Auch Eisenmans Skulpturenausstellung wurde in Mitleidenschaft gezogen. Unbekannte Täter zerstörten Teile der Installation. Nach Angaben einer Sprecherin wird jetzt mit der Künstlerin aus New York beraten, wie es mit dem Werk weitergeht. Derweil reinigen Männer das Wasser.
          Auch Eisenmans Skulpturenausstellung wurde in Mitleidenschaft gezogen. Unbekannte Täter zerstörten Teile der Installation. Nach Angaben einer Sprecherin wird jetzt mit der Künstlerin aus New York beraten, wie es mit dem Werk weitergeht. Derweil reinigen Männer das Wasser. : Bild: dpa

          Die Fälle von Münster unterscheiden sich demgegenüber insofern, als sie sich kaum als artikulierter Protest, also als Teil einer wie auch immer ressentimentgestützten Auseinandersetzung mit Kunst verstehen lassen, deren grundsätzlichen Wert dann doch kein Beteiligter infrage stellen würde, sondern eher als Ausdruck von Unachtsamkeit bis Gleichgültigkeit. Tanakas Raum wurde offenbar als Rohstoffquelle angesehen wie Oberleitungen durch Kupferdiebe (das Werk selbst ist ja auch, da digital gespeichert, unbelangt). Die lungernden Figuren Eisenmans mögen lungernde Jugendliche mit ihresgleichen verwechselt haben. Sie wurden jedenfalls, so wenig wie Arakawas Arbeit, als Kunst geachtet.

          Handelt es sich um eine Reihe von Einzelfällen? Oder schwindet der öffentliche Respekt gegenüber der künstlerischen Setzung? Es mehren sich ja auch die Berichte von Schäden, die bei der Entstehung von Selfies vor Kunstwerken entstehen. Zeigt sich hier eine allgemeine Wendung des Blicks vom Gemeinsamen auf das Eigene, von der Gesellschaft aufs Selbst? Oder werden Kunstwerke als Agenten und Symptome eines gut funktionierenden Geldverteilungssystems wahrgenommen (was sie allerhöchstens in Teilen sind)? Im Mai erging auf Facebook eine Welle von Hasskommentaren über Katharina Grosses Beitrag zu einer Gartentriennale in der Kulturhaupt Aarhus, für den sie Schlieren von Rosa über Strand und Parkwiesen sprühte. Die Aktion sei „bescheuert“, die Künstlerin „verrückt“ und solle „jeden einzelnen Partikel“ wieder einsammeln. Der Ton erinnert an die Kommentarspalten unter Zeitungsartikeln. Die Trolle versammeln sich nun auch um die Kunst.

          Hier liegt vielleicht auch der Schlüssel für eine mögliche Erklärung: Ein durch das Geld der Leser und öffentlichen Glauben legitimierter Zeitungsartikel ist gegenüber dem horizontalen Gezwitscher der sozialen Medien natürlich ein Fremdkörper. Mehr noch gilt das für ein Kunstwerk, das ja potentiell immer eine narzisstische Kränkung darstellt, ruht es doch auf dem Anspruch, seine Betrachter zu überleben. Gegenüber dem Navigieren durch prekäre, sich ständig neu ausrichtende und nie letztgültige Auszeichnungen mit Aufmerksamkeit und Anerkennung stellt ein Kunstwerk eine Störung dar. Ist dieses Aufbrechen reibungsloser Kommunikation durch Wahrnehmung (Luhmann) heute auf einer existenziellen Ebene womöglich schwerer auszuhalten als früher?

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