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Walter Gramatté in Hamburg : Polyglotter Außenseiter

  • -Aktualisiert am

Die Kunsthalle Hamburg zeigt die Werke des Expressionisten Walter Grammaté. Bild: dpa

Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel stand er nah, doch anders als ihnen blieb ihm der große Erfolg bisher verwehrt. In der Hamburger Kunsthalle sind die Werke des Expressionisten Walter Grammatté nun zu sehen.

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          Ein Mann sitzt auf der Fensterbank und hält sein Herz in der Hand, aus dem noch die Ansätze der Adern ragen. Das Bild heißt „Mann mit Herz“ – ein Selbstporträt, gezeichnet von Walter Gramatté im Jahr 1918. Die Kombination aus Motiv und Titel ist kein schwarzer Humor, sondern Ausdruck einer existenziellen Zerrüttung, die der Erste Weltkrieg dem Künstler zugefügt hatte. Gramatté, der sich bei Kriegsbeginn als Siebzehnjähriger freiwillig gemeldet hatte, erlitt als Sanitätshelfer an der Westfront schwere gesundheitliche Schäden und seelische Verletzungen. Sie überschatteten sein Leben und inspirierten zugleich große Bereiche seines Werks. Dessen grafischen Teil kann man nun anhand von mehr als hundert Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken in der Hamburger Kunsthalle kennenlernen.

          Kein Publikumsliebling bis dato

          Für die meisten Besucher dürfte Gramattés Kunst eine Entdeckung sein, denn obwohl schon kurz nach seinem frühen Tod 1929 ein Werkverzeichnis seiner Druckgrafik erschien und trotz einiger Ausstellungen in den vergangenen Jahrzehnten gilt Gramatté auch unter Kunstkennern bis heute als Geheimtipp. Anders als Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, denen er persönlich und künstlerisch nahestand, ist Gramatté der große Publikumserfolg bislang versagt geblieben. Das hat mit der Kürze seiner Schaffenszeit zu tun und damit, dass seine Rezeption durch die nationalsozialistische Verfemung unterbrochen wurde und nach 1945 nicht wieder richtig in Gang kam. Es liegt aber auch an Gramattés stilistischer Flexibilität, die ihn zwischen Expressionismus, Magischem Realismus und Surrealismus immer wieder wechseln ließ, was das Schubladendenken und die vorgeprägten Erwartungen von Sammlern und Kunsthistorikern irritierte. Das zwiespältige Image eines „sperrigen Künstlers“ und „interessanten Außenseiters“ haftet Gramatté bis heute an.

          „Selbstbildnis“ Grammatés aus dem Jahr 1920.
          „Selbstbildnis“ Grammatés aus dem Jahr 1920. : Bild: Christoph Irrgang

          Die Vielfalt seiner Bildsprachen, die von gefälligen Porträts über expressive Traumsequenzen bis zu den fratzenhaft zersplitterten Formen eines „Spiels mit dem Selbstmord“ reicht, führt die von Andreas Stolzenburg kuratierte Ausstellung dem Betrachter immer wieder vor Augen, indem sie motivisch ähnliche, aber stilistisch kontrastierende Bilder nebeneinander präsentiert. Wie sehr der pessimistische Ton, der viele Bilder grundiert, Gramattés eigener Verfassung entsprach, zeigen beispielhaft seine Illustrationen zu Georg Büchners „Lenz“: Acht Selbstporträts spiegeln das sich verdüsternde Gemüt Lenzens, dem die Welt aus den Fugen gerät. „Schmerzen überall, nicht laufen, sitzen, liegen. ... So ist mir wie ,Lenz‘ immer manchmal hell und dann immer tiefer und dunkler“, schrieb Gramatté seinem Freund Walther Merck. Die Literatur bildete für Gramatté, dem der befreundete Hermann Kasack im Roman „Die Stadt hinter dem Strom“ mit der Figur des Malers Katell ein Denkmal setzte, zeitlebens einen wichtigen Bezugspunkt.

          Hellere Facetten in Spanien

          Seine Kreidelithografien zu Nikolai Gogols Novelle „Der Mantel“ zeigen niedergedrückte Menschen, zwischen bedrohlich enge Wände gepfercht. Diese klaustrophobische Stimmung setzt sich in anderen Blättern fort, die Erschöpfung und auswegloses Kreisen symbolisieren. Einen Kontrapunkt in den Farben, Motiven und Stimmungen bildet eine Reihe von Werken, die in Spanien entstanden. Dorthin wollten Gramatté und seine Frau, die russische Komponistin Sonia Fridman-Gramatté, auswandern. Der Versuch, in Spanien Fuß zu fassen, schlug zwar fehl, aber die andalusischen und mallorquinischen Landschaften und Stadtansichten, die erotischen Frauenporträts und Halbakte, die er hier zeichnete und malte, verleihen seinem Werk viele hellere Facetten.

          Nach Gramattés Tod kümmerte sich seine Witwe gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, dem Kunsthistoriker Ferdinand Eckhardt, vom kanadischen Winnipeg aus um die Pflege und Präsentation des Werks. Vor allem ihnen war zu verdanken, dass Gramatté nicht gänzlich in Vergessenheit geriet. Jetzt zeichnet sich eine Wiederentdeckung seines Werks ab: Die kanadische Eckhardt-Gramatté Foundation übergab 2019 mehreren Museen eine große Zahl von Bildern aus ihrem Bestand als Schenkung. Die Hamburger Kunsthalle erhielt 47 Zeichnungen und Druckgrafiken sowie ein Ölgemälde, die zusammen mit dem dort schon vorher vorhandenen Bestand einen guten Überblick über Gramattés Werk bieten.

          Den Anlass für die Ausstellung bietet neben dieser Schenkung auch die besondere Rolle, die Hamburg für Gramatté spielte. Den Künstler, der in Berlin wohnte und in einer Hamburger Klinik starb, verbanden mit der Hansestadt zwei eng verschlungene Stränge: seine Krankheiten und seine Kunst. In Hamburg unterzog er sich ärztlichen Behandlungen, und zugleich traf er hier auf ein Netzwerk von Sammlern, Galeristen und Kunsthistorikern – unter ihnen Aby Warburg und Rosa Schapire –, die ihn förderten und seine materielle Notlage linderten. Die Hamburger Kunsthalle, die 1920 als erstes Museum Bilder von Gramatté erwarb, präsentierte noch 1933 eine umfangreiche Ausstellung seiner Werke. Das geschah unter den Augen der Nationalsozialisten, die bald darauf Gramattés Bilder aus deutschen Museen entfernen ließen.

          Walter Gramatté und Hamburg. In der Kunsthalle, Hamburg; bis 25. Juli. Die Publikation zur Schau kostet 12,90 Euro.

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