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Virtuelle Ausstellungen : Empfindung dringend gesucht

Der Schauspieler Sebastian Blomberg führt virtuelle Besucher durch das Frankfurter Städel Museum. Bild: Städel Museum

Durch viele deutsche Museen kann man auch digital vom Sofa aus spazieren. Jetzt zeigt sich, warum das nie ein vollständiger Ersatz für das Erlebnis echter Leinwände sein kann.

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          In der Welt der Kultur ist bekanntlich alles eng miteinander vernetzt. Zwar wird und kann kein einziges der überwiegend staatlichen oder kommunalen Museen in Deutschland insolvent gehen, aber schon jetzt zeigen sich, da die allfälligen Ausstellungsverlagerungen ins Virtuelle kein Eintrittsgeld generieren, gravierende Kollateralschäden für nur stundenweise angestellte Museumswärter und Mitarbeiter, die durch die Museumsschließungen kein Geld mehr verdienen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Klaus Albrecht Schröder etwa, Generaldirektor der Wiener Museen der Albertina, der Mitte März die Eröffnung einer enorm aufwendigen Dauerausstellung zur österreichischen Moderne ab 1945 verschieben musste, schätzt den voraussichtlichen Besucherrundgang für dieses Jahr aktuell auf fünfhunderttausend zahlende Personen. Dadurch ergäbe sich für das gesamte Corona-Jahr 2020 hochgerechnet ein Finanzausfall von sechs bis acht Millionen Euro allein für seine Häuser.

          Was aber bislang bei dem „Shut-down“ nahezu aller Ausstellungen völlig vergessen wurde: Auch kleinere und mittelgroße Kunst- und Kulturverlage ächzen bereits, denn zu jeder wichtigen Ausstellung gehört ein guter Katalog auf Papier, der es ermöglicht, die einst ausgestellten Bilder auch Jahre später noch einmal Revue passieren zu lassen. Die Museen jedoch verlegen momentan aufgrund der zeitlichen Verschiebungen von mehreren Monaten einen nicht geringen Teil ihrer Ausstellungen ins nächste Jahr. Die Kataloge zu den Ausstellungen allerdings sind jetzt bereits in Arbeit, wenn nicht fertig gedruckt. Für viele Verlage, die das nächste Produkt nur vorschießend durch die eben vollendeten Museumskataloge finanzieren können, eine existenzbedrohende Situation, da sie seitens der Museen ein Jahr und länger auf den Produktionskosten sitzenbleiben sollen. Denn Kataloge gehen nicht online, und selbst wenn, erbrächte dies kein Geld.

          Ein üppiges digitales Angebot

          Abgesehen von diesen sehr konkreten Problemen, ist das derzeitige virtuelle Angebot reichlich und kostenfrei: In Potsdams Museum Barberini kann man sonnendurchflutet im Computer durch „Monets Orte“ wandern, nahezu alle großen Kölner und Düsseldorfer Museen haben ihre Ausstellungen anregend ins Netz übersetzt, was sich von dem technisch avancierten Nordrhein-Westfalen insgesamt sagen lässt. Innerhalb der deutschen Museumslandschaft besitzt das Städelmuseum in Frankfurt eines der elaboriertesten digitalen Angebote, insbesondere was die kunsthistorische Bildung anlangt: War in den siebziger und achtziger Jahren das „Telekolleg Kunst“ ungemein erfolgreich, bietet das virtuelle Angebot der Frankfurter Museen die konsequente Fortsetzung dessen mit digitalen Mitteln, ohne auch nur an einer Stelle oberlehrerhaft oder dröge zu wirken.

          Vielleicht wäre aber nun die Zeit, um sich den Künstlern weniger über virtuelle Abbilder, sondern experimentell zu nähern. Beim „Museum auf die Ohren“ des Städel etwa kann man ausschließlich über den Hörsinn Bildbetrachtungen anstellen und in die Kunstgeschichte eintauchen: Mit seinem Podcast „Finding van Gogh“ begibt sich das Frankfurter Museum anlässlich der kürzlich zu Ende gegangenen Blockbuster-Schau über den niederländischen Vorzeige-Expressionisten auf Spurensuche von dessen berühmtem, aber seit geraumer Zeit auch nur noch als „Abbild“ im Netz zirkulierenden „Bildnis des Dr. Gachet“. Atmosphärisch dicht und fesselnd wird in acht Episoden die Entstehung und Besitzgeschichte des Gemäldes rekonstruiert, das als „entartete Kunst“ beschlagnahmt, später für eine Rekordsumme versteigert wurde und letztlich bei einem privaten Sammler verschwand.

          Echte Kunst ist nicht zu ersetzen

          Bei aller Üppigkeit der Museumsangebote im Netz bleibt jedoch ein Wermutstropfen: Der Generationenspalt zwischen den Digital Natives und den sogenannten Silver Surfern zeigt sich in der Nutzung der Museumsangebote ähnlich wie auf allen anderen gesellschaftlichen Ebenen – wer von den Jüngeren ohnehin Museen eher selten von innen gesehen hat und Ausstellungsbesichtigungen bislang auf das Weiterleiten von vor Van Goghs herumhampelnden Pseudoberühmtheiten beschränkte, wird auch derzeit nichts vermissen und – wenn überhaupt – mit der virtuellen Rosinenpickerei fortfahren.

          Für alle anderen gilt: Die Aura leibhaftig gesehener Kunstwerke ist durch nichts zu ersetzen, weil es sich bei diesem oft missbrauchten Begriff eben nicht um nebulöses Spintisieren von Kunsthistorikern handelt, vielmehr um eine sehr einfache körperliche Erfahrung, die jeder schon gemacht hat. Ein Kunstwerk – es muss noch nicht einmal gefallen oder gar faszinieren – ist in einem sehr basalen Sinn ein Gegen-Stand (die Übersetzung des lateinischen „Objekt“), der uns in Form von gerahmter Leinwand oder bearbeitetem Bildhauermaterial einen physischen Widerstand entgegensetzt, den wir beim Museumsbesuch mit allen Sinnen erfahren und an seiner Oberfläche und seiner Verortung in einem realen Raum abtasten.

          Kein videospielartiges 360-Grad-Geschwenke am Monitor, keine hochaufgelöste Makroaufnahme bis in den kleinsten Schüsselriss eines Bildes wird jemals diese körperliche Empfindung in einem gebauten Museumsraum ersetzen können, schlicht deshalb, weil es virtuell ohne jede körperliche Basis bleibt. Je weiter in den nächsten Wochen also der – zeitliche und körperliche – Abstand zu den Museen rückt, desto schmerzlicher wird man die Originale vermissen. Als Abbilder der echten Bilder können sie im Kopf immerhin bis dahin wie beim Memoryspiel die Funktion des Platzhalters erfüllen, solange wir noch nicht das zweite, echte Bild wieder aufdecken und sehen dürfen.

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