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Victor Brauner in Paris : Ich bin Traum und Inspiration

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Vergessener Surrealist: Bei ihm bilden Leben und Werk eine Einheit. Nun widmet sich eine Pariser Ausstellung dem rumänisch-französischen Maler Victor Brauner.

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          „Malen ist für mich gleich Leben, das wahrhaftige Leben, MEIN LEBEN“, schrieb Victor Brauner in ein Skizzenheft. Der Satz wurde als Epitaph auf seinen Grabstein auf dem Friedhof von Montmartre gemeißelt, daneben stehen die Lebensdaten: 1903 bis 1966. Eine hieratische Skulptur des Künstlers schmückt das Denkmal. Sie heißt „Zeichen (Der Wind)“ und zeigt zwei stilisierte, umgekehrt aufeinandergesetzte janusartige Köpfe. Der obere blickt mit offenen Augen in die fassbare Welt der Wirklichkeit. Der umgedrehte Zwillingskopf darunter hingegen ist blind, sein Blick geht nach innen, in die Abgründe des Unsichtbaren, des Unbewussten, der okkulten Kräfte und Kenntnisse. Janus, der doppelköpfige Wächter der Pforten, symbolisiert den Übergang und die unausweichliche Dualität des Seins.

          Brauners künstlerische Suche hat mit dem Übertreten dieser Janus-Schwelle zu tun. Mit seiner Malerei (das bildhauerische Werk bleibt Ausnahme) möchte er diese andere Welt erreichen und zum Ausdruck bringen, die sich hinter dem Schleier der Wirklichkeit öffnet: die des eigenen oder kollektiven Unbewussten, der dunklen Ahnungen und mythischen Verdichtungen. Dort, im Reich seiner Malerei, siedelte er sein „wahrhaftiges Leben“ an.

          Neue mentale Räume

          Brauner wurde in den rumänischen Karpaten in eine jüdische Familie geboren. Sein Vater hatte ein Faible für Hypnose und spiritistische Sitzungen, an denen wohl schon das Kind heimlich teilnahm. Die Neigung für Esoterik, Magie oder okkulte Lehren wie Tarot und Kabbala findet dort ihren Ursprung. Mit zwanzig Jahren gehört er zur Avantgarde in Bukarest, die dem Kommunismus nahesteht und den aufkommenden antisemitischen Nationalismus mit Kunst, Poesie und Dada bekämpft. In den frühen Arbeiten zeigen sich konstruktivistische und kubistische Einflüsse. Da er sich der rückwärtsgewandten Ausbildung in der Kunsthochschule von Bukarest nicht anpassen mag, wird er herausgeworfen und reist 1925 zum ersten Mal nach Paris. Wahrscheinlich sah er dort die erste Ausstellung der Surrealisten in der Galerie Pierre, an der auch noch Miró und Picasso teilnahmen.

          Eine monographische Schau auszurichten bedeutet immer auch, einen Werkkorpus im Zusammenhang mit dem Leben des Künstlers neu und weiterführend zu erforschen. Die Retrospektive zu Victor Brauner im Museum für moderne Kunst im Pariser Palais de Tokyo ist in dieser Hinsicht nicht nur überfällig – die letzte umfassende Schau fand 1972 in Paris statt –, sondern auch vorbildlich gelungen. In französischen Museumssammlungen gibt es vergleichbar viele seiner Werke, nicht zuletzt durch großzügige Schenkungen seiner zweiten Ehefrau Jacqueline Abraham. Aber erst diese Ausstellung ermöglicht es, Brauner in allen Facetten seiner stilistisch sehr unterschiedlichen Schaffensphasen zu entdecken. Dass der Betrachter das Gefühl hat, entlang der etwa hundertfünfzig Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen und einer chronologisch thematischen Kapitelgestaltung eine Reise durch einen neuen künstlerischen Kontinent anzutreten, liegt auch an Brauners Werk selbst. Es ist narrativ, vielschichtig und durch die Jahrzehnte hindurch in einem ständigen, extrem kreativen Wandel begriffen.

          Der Geist der Vorkriegsjahre

          Von einer surrealistischen Grundbefindlichkeit ausgehend, exploriert sein Werk zunächst das eigene Unbewusste. Aber jedes seiner Gemälde erschließt gleichzeitig neue mentale Räume, spielt mit Symbolen, Mythen, Träumen und erotischen Phantasmen. Gerade in den dreißiger Jahren bekommt es eine beißende politisch-moralische Dimension. Die Verstrickung von Leben und Werk bis hin zu einer Identifizierung von kreativem Geist und Korpus des Geschaffenen, klingt im surrealistisch-poetischen Titel der Ausstellung an: „Je suis le rêve. Je suis l’inspiration“ (Ich bin Traum. Ich bin Inspiration). Wie eine Beschwörungsformel hatte Brauner diese Sätze in einem Brief an den Hohepriester des Surrealismus André Breton geschrieben.

          In den frühen dreißiger Jahren hat Brauner, der unablässig zeichnend experimentiert, sein surrealistisches Vokabular gefunden. Es entstehen die ersten Hauptwerke wie „La Porte“ von 1932, ein Gemälde, das die Bedrohung der Totalitarismen und die gewalttätige Stimmung des aufkommenden Faschismus in einer krassen theatralischen Bildsequenz erfasst, stilistisch dem Werk seines Freundes de Chirico ähnlich, jedoch weitaus vielschichtiger. Brauner tritt der surrealistischen Bewegung 1933 bei. Kurz darauf entsteht die in zahlreichen Gemälden auftauchende Figur des „Monsieur K.“, ein feistes, kopulierendes Macht-Männchen, das durch seine amoralische Banalität den Geist der Vorkriegsjahre verkörpert.

          Mythologische Figuren und Hybridwesen

          Das Auge als Symbol der Einbildungskraft oder der voraussehenden Vision wird bei ihm durch einen Unfall 1938, bei dem er sein linkes Auge verliert, zum obsessiven Thema. Dass er sich Jahre zuvor in einem Selbstporträt mit einem ausgestochenen Auge dargestellt hatte, wird ihm im Nachhinein zum Beweis seiner Fähigkeit zur Vorsehung; mindestens aber bestätigt die Koinzidenz, ganz surrealistisch, Bretons „objektiven Zufall“. Ab 1938 bleibt Brauner nach mehreren Rückreisen nach Rumänien in Frankreich. Nationalismus und Antisemitismus haben in seiner Heimat die Oberhand gewonnen. Während der deutschen Besatzungszeit muss er nach Südfrankreich fliehen, sich verstecken – ein Schicksal, das er mit vielen jüdischen Künstlern teilte, denen die weitere Auswanderung misslang. In dieser extrem entbehrungsreichen, angstvollen Zeit ändert sich seine Malerei. Er arbeitet mit den Materialien, die er auftreiben kann, etwa mit Wachs – für ihn ein alchimistisches Material –, Tusche und Kratztechniken auf Papier, mit Holz oder Kieselsteinen. Seine dunklen Figuren werden archaisch, sind Stammeskunst und Art brut näher als dem Surrealismus.

          Nach dem Krieg bekommt seine Palette wieder Farbe. Schematisierte mythologische Figuren und Hybridwesen bevölkern das Spätwerk, in dem er Elemente aus Felsbildern, der präkolumbischen oder afrikanischen Kunst und der Volkskunst aufnimmt und für sich verarbeitet. Sein Werk wird in Galerien in Paris, dann in Amerika, England oder Italien ausgestellt. Erst Ende der fünfziger Jahre gelingt ihm der Durchbruch, der ihn auch finanziell absichert. 1965 reist eine erste museale Retrospektive seines Werkes von Wien nach Hannover, Hagen und Amsterdam. Brauner stirbt 1966, kurz bevor die Venedig-Biennale eröffnet, in der er den französischen Pavillon mit sechsundzwanzig Werken bespielt: eine Bestätigung seines Lebenswerkes.

          Victor Brauner. Je suis le rêve, je suis l’inspiration. Im Musée d’Art Moderne, Paris; bis zum 10. Januar 2021. Der Katalog in französischer Sprache kostet 45 Euro.

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