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Victor Brauner in Paris : Ich bin Traum und Inspiration

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Der Geist der Vorkriegsjahre

Von einer surrealistischen Grundbefindlichkeit ausgehend, exploriert sein Werk zunächst das eigene Unbewusste. Aber jedes seiner Gemälde erschließt gleichzeitig neue mentale Räume, spielt mit Symbolen, Mythen, Träumen und erotischen Phantasmen. Gerade in den dreißiger Jahren bekommt es eine beißende politisch-moralische Dimension. Die Verstrickung von Leben und Werk bis hin zu einer Identifizierung von kreativem Geist und Korpus des Geschaffenen, klingt im surrealistisch-poetischen Titel der Ausstellung an: „Je suis le rêve. Je suis l’inspiration“ (Ich bin Traum. Ich bin Inspiration). Wie eine Beschwörungsformel hatte Brauner diese Sätze in einem Brief an den Hohepriester des Surrealismus André Breton geschrieben.

In den frühen dreißiger Jahren hat Brauner, der unablässig zeichnend experimentiert, sein surrealistisches Vokabular gefunden. Es entstehen die ersten Hauptwerke wie „La Porte“ von 1932, ein Gemälde, das die Bedrohung der Totalitarismen und die gewalttätige Stimmung des aufkommenden Faschismus in einer krassen theatralischen Bildsequenz erfasst, stilistisch dem Werk seines Freundes de Chirico ähnlich, jedoch weitaus vielschichtiger. Brauner tritt der surrealistischen Bewegung 1933 bei. Kurz darauf entsteht die in zahlreichen Gemälden auftauchende Figur des „Monsieur K.“, ein feistes, kopulierendes Macht-Männchen, das durch seine amoralische Banalität den Geist der Vorkriegsjahre verkörpert.

Mythologische Figuren und Hybridwesen

Das Auge als Symbol der Einbildungskraft oder der voraussehenden Vision wird bei ihm durch einen Unfall 1938, bei dem er sein linkes Auge verliert, zum obsessiven Thema. Dass er sich Jahre zuvor in einem Selbstporträt mit einem ausgestochenen Auge dargestellt hatte, wird ihm im Nachhinein zum Beweis seiner Fähigkeit zur Vorsehung; mindestens aber bestätigt die Koinzidenz, ganz surrealistisch, Bretons „objektiven Zufall“. Ab 1938 bleibt Brauner nach mehreren Rückreisen nach Rumänien in Frankreich. Nationalismus und Antisemitismus haben in seiner Heimat die Oberhand gewonnen. Während der deutschen Besatzungszeit muss er nach Südfrankreich fliehen, sich verstecken – ein Schicksal, das er mit vielen jüdischen Künstlern teilte, denen die weitere Auswanderung misslang. In dieser extrem entbehrungsreichen, angstvollen Zeit ändert sich seine Malerei. Er arbeitet mit den Materialien, die er auftreiben kann, etwa mit Wachs – für ihn ein alchimistisches Material –, Tusche und Kratztechniken auf Papier, mit Holz oder Kieselsteinen. Seine dunklen Figuren werden archaisch, sind Stammeskunst und Art brut näher als dem Surrealismus.

Nach dem Krieg bekommt seine Palette wieder Farbe. Schematisierte mythologische Figuren und Hybridwesen bevölkern das Spätwerk, in dem er Elemente aus Felsbildern, der präkolumbischen oder afrikanischen Kunst und der Volkskunst aufnimmt und für sich verarbeitet. Sein Werk wird in Galerien in Paris, dann in Amerika, England oder Italien ausgestellt. Erst Ende der fünfziger Jahre gelingt ihm der Durchbruch, der ihn auch finanziell absichert. 1965 reist eine erste museale Retrospektive seines Werkes von Wien nach Hannover, Hagen und Amsterdam. Brauner stirbt 1966, kurz bevor die Venedig-Biennale eröffnet, in der er den französischen Pavillon mit sechsundzwanzig Werken bespielt: eine Bestätigung seines Lebenswerkes.

Victor Brauner. Je suis le rêve, je suis l’inspiration. Im Musée d’Art Moderne, Paris; bis zum 10. Januar 2021. Der Katalog in französischer Sprache kostet 45 Euro.

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