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Louise Bourgeois in Basel : Vergnügliche Zeit in der Schrifthölle

  • -Aktualisiert am

Knorrig gegen weich: „Topiary“ von Louise Bourgeois. Bild: Christoph Burke/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Jenny Holzer nutzt ihre Carte blanche im Kunstmuseum Basel, um das Werk ihrer 2010 verstorbenen Freundin Louise Bourgeois aus einer ungewohnten Perspektive zu inszenieren.

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          Auf dem Weg in die Ausstellung, und es wird ausdrücklich empfohlen, im Neubau den Aufzug in die zweite Etage zu nehmen, stimmt die Künstlerin persönlich auf das Kommende ein. Man hört die greise Louise Bourgeois „Sur le pont d’Avignon“ singen, sich räuspern und neu ansetzen. Plötzlich stimmt sie einen Sprechgesang an, untermalt mit elektronisch verfremdetem Jazz, eine wilde Mi­schung, die keinen Zweifel daran lässt, dass sie die Aufnahmen spitzbübisch ge­nossen hat. Man tut es mit ihr, denn auf die Aufmerksamkeit musste sie schließlich lange genug warten.

          Als die Karriere der dreifachen Mutter mit der großen MoMA-Retrospektive 1982 startete, war die in Paris geborene New Yorkerin einundsiebzig Jahre alt. In den kommenden drei Jahrzehnten entstand noch ein „Alterswerk“, dass frischer und vielseitiger hätte nicht sein können.

          Das Paardasein als ewige Lokomotive

          Und immer für eine Überraschung gut. Denn verlässt man den Aufzug, hypno­tisiert von dem launischen Gesang, aus Versehen in dem unterirdischen Durchgang zum Altbau, begegnet man einer monströsen Installation, die einer alten schwarzen Lok ähnelt. Im Innern leuchtet es höllisch rot, das Ungetüm bewegt sich langsam auf Schienen vor und zu­rück und schiebt dabei einen Teil der Konstruktion immer wieder heraus, als möchte es den penetrierenden Eindringling abstoßen. „Twosome“ nannte Bourgeois 1991 die raumfüllende Arbeit, eine urkomische Ode an die ewige Anziehung und Abstoßung zwischen den Geschlechtern, die bisher nur selten zu sehen war und in ihrer schwerfälligen Wuchtigkeit für einen unerwarteten Höhepunkt sorgt.

          Eigentlich sollte es zu zweit Spaß bereiten: „Twosome“ (1991) von Louise Bourgeois.
          Eigentlich sollte es zu zweit Spaß bereiten: „Twosome“ (1991) von Louise Bourgeois. : Bild: Peter Bellamy/VG-Bild Kunst Bonn 2022

          Man verdankt das Wiedersehen mit ihr keiner Geringeren als der einundsiebzigjährigen Jenny Holzer. Die US-Amerikanerin lernte Bourgeois in den frühen Achtzigerjahren kennen, genau zu dem Zeitpunkt, als diese den Status eines Ge­heimtipps verlor. Auch bei Holzer ging es gerade bergauf, ihre anonym im Stadtbild verbreiteten Schriftbilder, in denen sie Thesen und Antithesen zu Gesellschaft und Politik, Liebe und Krieg formulierte, waren nur der Vorgeschmack auf ein Werk, dessen mediales Spektrum sich stetig ausweitete. 1982 präsentierte Holzer ständig wechselnde Botschaften am Time Square in New York auf einer elek­tronischen LED-Tafel, darunter auch den oft zitierten Spruch „Protect me from what I want“. Der Irritationsmoment des konsumkritischen Werbeträgers war ge­waltig und ihr Weg zum Goldenen Löwen auf der Biennale von Venedig im Jahr 1990 geebnet.

          Betrachtet man beide, nur auf den ersten Blick inkompatiblen Ansätze, fallen sogleich thematische Schnittmengen auf. Nicht zuletzt die intensive Beschäftigung mit der Sprache. Kein Wunder al­so, dass beide Künstlerinnen trotz des großen Altersunterschieds dem Werk der jeweils anderen mit Neugier begegneten. Holzers Hommage „Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page“ profitiert bei der Auswahl natürlich von den Besuchen im Atelier der älteren Freundin, wo Holzer Arbeiten zu Gesicht bekam, die bisher nie gezeigt wurden. Ihre intuitive Inszenierung in neun Räumen verzichtet auf eine chronologische Struktur. Objekte aus verschiedenen Arbeitsphasen ar­rangiert sie nebeneinander, wenn sich zwischen ihnen eine Spannung zu entwickeln vermag, immer darauf bedacht, so viele Schriftarbeiten wie möglich einzubeziehen.

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