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James Ensor in Ostende : Im Haus des Puppenspielers

Raffinierter Mummenschanz: eine von Ensors Puppen im Blauen Salon. Die Gemälde an der Wand sind Repliken. Bild: James Ensor Huis

Der Avantgardist, der nie aus seinem bunten Kramladen herauskam: In Ostende kann man den berühmten Sohn der Stadt im neu eröffneten James-Ensor-Haus endlich so richtig kennenlernen.

          4 Min.

          Endlich hat der Laden in Ostende wieder geöffnet – und empfängt Besucher so, wie der malende Sohn einer flämischen Souvenierhändlerin und eines unglücklichen englischen Intellektuellen ihn selbst jahrzehntelang bewahrt hat. Nicht, weil James Ensor noch etwas daraus hätte verkaufen wollen, Segelschiffmodelle etwa, zum Trocknen aufgepumpte Kugelfische oder Fischskelette mit Affenschädeln, die Meerjungfrauen-Zoologie spielen. Nein, dafür hatte der Künstler in weniger erfolgreichen Jahren zu lange in diesem Metier ausgeholfen. Doch als Ensor 1917 von einem Onkel, der im selben Geschäftszweig wie praktisch die gesamte mütterliche Linie tätig war, das schmale Haus mit Souvenirwinkel in der Vlanderenstraat erbte, räumte der Neffe hinter den Schaufenstern nicht aus, sondern beließ alles, wie es war – als eine Art Museum seiner eigenen Prägungen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer immer fortan von der windumtosten Strandpromenade die paar Schritte stadteinwärts zu Ensors Haus ging – und das taten in den Jahren zwischen den Weltkriegen, als Ensor schon ein antiquierter, aber wohl gerade deshalb hochgeschätzter Avantgardist war, Leute wie Wassily Kandinsky, Edouard Vuillard, Erich Heckel, Guiseppe Ungaretti und viele andere –, landete unweigerlich in dem Laden voller Kuriositäten, über dem Ensor lebte und arbeite. Der maritime Nippesverkauf der Belle Époque offenbart sich hier als rechtmäßiger Erbe der höfischen Wunderkammern des Barock. Die Fastnachstmasken in den Regalen aber, Fratzen aus Pappmaché heimischer und chinesischer Herkunft, lassen keinen Zweifel daran, woher Ensors Besessenheit von Masken rührte, die sein Werk prägten. Dass sich nun, der Pandemie geschuldet, immerzu maskierte Gesichter in den Vitrinen mit den Larven spiegeln, stiftet eine unheimliche Nähe zu seinem bekanntesten Motiv.

          Jahrelang war das Ensor-Haus in Ostende eine schwer zugängliche, im Vorbeihasten Richtung Strand leicht zu übersehene städtische Gedenkstätte für den berühmtesten Sohn der Stadt, der er in ihr sein ganzes Leben zugebracht hatte. Mehr als fünfzehn Besucher zugleich passten nicht in das Gebäude, bei starkem Wind (also praktisch immer) musste zugesperrt werden, weil die Scheiben eingedrückt zu werden drohten, und wer schlecht zu Fuß war, konnte angesichts der steilen Stiegen in die oberen Stockwerke nur kapitulieren.

          Frivoles Wimmelbild: Ensors „Die Bäder von Ostende“.
          Frivoles Wimmelbild: Ensors „Die Bäder von Ostende“. : Bild: James Ensor Huis

          Zwar hängt Ensors wichtigste Arbeit, sein Monumentalgemälde „Der Einzug Christi in Brüssel“ von 1888, ohnehin nicht mehr wie zu seinen Lebzeiten oben im Blauen Salon über dem Harmonium, umgeben von Plüsch, Pomp und Skurrilitäten, die Marie Kondo das Gruseln lehrten, sondern weit fort im Getty Museum in Los Angeles – ein Verlust, der die Belgier immer noch schmerzt. Die meisten anderen Werke Ensors befinden sich im Königlichen Museum für Schöne Künste in Antwerpen. Das Haus für moderne Kunst in Ostende schließlich, das Mu.Zee, zeigt seit ein paar Jahren in einem stattlichen Anbau eine Kollektion von zahlreichen Drucken und einige Gemälden Ensors. Darunter befinden sich Glanzwerke wie ein Selbstporträt im Stil von Rubens, aber selbstironisch gebrochen mit Damen-Federhut, sowie das Nähe und Distanz, Körper und Fläche auf anrührende Weise kontrastierende Totenbild seiner Mutter.

          Dennoch tat die Komplettsanierung und Neukonzeptionierung des Ensor-Hauses not: weil Ensor wie kaum ein Zweiter von seiner unmittelbaren Umgebung inspiriert wurde, was hier besonders eindrücklich nachvollziehbar ist, und weil in dem angrenzenden früheren Hotel Providence Regina, einem der wenigen erhaltenen Prunkbauten aus der goldenen Zeit Ostendes als „Königin der Seebäder“, ein neues Besucherzentrum mit Platz für Wechselausstellungen entstanden ist.

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