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Deutsche und Tschechen : Der Hopfen liebt das steile Dach

Ewiges Kneipengespräch in Elbogen: Eine Animation zeigt, was in den politisch äußerst wandelbaren böhmischen Ländern gleich bleibt. Bild: Niklas Zimmermann

Eine neue Dauerausstellung in Nordböhmen sucht nach Spuren der Deutschen in Tschechien. Historischen Kontroversen versucht sie aus dem Weg zu gehen. Besucher sollen das deutsche Erbe fühlen.

          4 Min.

          Gleich hinter dem Eingang empfängt Franz Kafka den Besucher. Knapp hundert Jahre nach seinem Tod ist der Prager Schriftsteller zum Plakatmotiv einer neuen Dauerausstellung geworden, die sich „unseren Deutschen“ im heutigen Tschechien widmet. Und sorgt damit für Protest, wie der Kurator Petr Koura berichtet. Kafka sei Jude und kein Deutscher gewesen, soll ein Journalist auf einem Rundgang durch die Ausstellung moniert haben. „Es gibt schon Skandale“, erzählt Koura mit einem verschmitzten Lächeln. Tatsächlich habe man mit dem Plakat Diskussionen auslösen wollen. Das scheint gelungen. Am ersten Wochenende nach der Ausstellungseröffnung am 17. November seien in das Stadtmuseum im nordböhmischen Aussig so viele Besucher gepilgert wie normalerweise in einem ganzen Monat.

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Die Ausstellung mit dem vollen Namen „Unsere Deutschen. Dauerausstellung zur Geschichte der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder“ soll nicht zuletzt die kulturelle Landschaft der Industriestadt im Elbtal bereichern, in der bis zur Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend Deutsch gesprochen wurde.Dabei setzt schon der Titel im Kontext ähnlich gelagerter Ausstellungen einen besonderen Akzent: Während das erst im Herbst des vergangenen Jahres eröffnete Sudetendeutsche Museum in München sich am Gedächtnis der rund drei Millionen vertriebenen Deutschen orientiert, richtet sich die Aussiger Ausstellung an die Tschechen.

          Zusammen mit der im Juni dieses Jahres eröffneten Berliner Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung entstand so jüngst ein Dreieck, in dem jedes Museum auf seine eigene Weise das deutsche Erbe in Ostmitteleuropa in Vielgestaltigkeit in den Blick nimmt.

          Angeblich längstes Motorrad der Welt: das Böhmerland-Motorrad
          Angeblich längstes Motorrad der Welt: das Böhmerland-Motorrad : Bild: Niklas Zimmermann

          In Aussig betreten die Besucher in der ersten Etage des umgebauten Schulgebäudes aus der Gründerzeit als Erstes einen Raum mit einer Leinwand. Ein kurzer Film zeigt, wo Spuren der hiesigen Deutschen erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. So etwa auf dem Cover des Beatles-Albums „Yellow Submarine“. Es wurde – wie der zugehörige Zeichentrickfilm – vom 2009 verstorbenen Grafiker Heinz Edelmann aus Aussig illustriert. Dann fällt der Vorhang und gibt den Blick auf die zuvor eingeführten Gegenstände frei. Die ganze Ausstellung orientiert sich in radikaler Weise an den Exponaten – ein Kontrast zur ausgesprochen textlastigen Berliner Dauerausstellung. Auch in München hängen deutlich mehr Tafeln.

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          Das Aussiger Konzept kommt vor allem in einer nachgebauten Kneipe aus der Stadt Elbogen zum Tragen. Besucher können sie betreten und sich sogar bei Kneipengesprächen dazusetzen. Zu Tisch wird geraucht, getrunken und auf gut Tschechisch geflucht – das ermöglicht eine aufwendige Projektion auf die Tischplatte. Die Stammgäste sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer dieselben, und die Möblierung des Lokals ändert sich nicht. Dramatisch wandeln sich aber die Gespräche, wenn es um das Deutsch- und das Tschechischsein der Kneipengänger geht. Hinter dem Tresen verändert sich das Porträt von Kaiser Franz Ferdinand über Tomáš G. Masaryk und Adolf Hitler zu Edvard Beneš. Die Szenerie zeigt eindrücklich das Nebeneinander von fundamentalem politischem Wandel und einem Alltagsleben, das von den Umwälzungen weitgehend unberührt scheint.

          Mit Büchern in die Sprachlosigkeit

          Kundige Besucher können sich auf die Kneipenszene einen Reim machen. Fraglich scheint aber, ob sich die Thematik auch für diejenigen erschließt, die des Tschechischen nicht mächtig sind oder die keinen familiären Bezug zu den einst deutschsprachigen Gebieten haben. Hier zeigt sich die Kehrseite des an der Materialität orientierten Konzepts. Intuitiv verständlicher wirkt die meterhohe Barrikade aus Büchern in dem Raum, der die Bewegung von 1848 behandelt, die in den böhmischen Ländern auf tschechischer wie auf deutschböhmischer Seite stark national aufgeladen war. Literatur, Publizistik und selbst Wörterbücher ermöglichten nicht nur Verständigung, sondern errichteten ebenso neue Mauern in den Köpfen.

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