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Neue Nationalgalerie Berlin : Und plötzlich diese Energie

Schwingende Klingen im Glashaus der Kunst: Alexander Calders „Five Swords“ von 1976 vor der ebenfalls bewegten Marmorwand Mies van der Rohes Bild: David von Becker

Stabile wird Mobile: Alexander Calders Skulpturen bezwingen die Riesenhalle der sanierten Neuen Nationalgalerie. Die Ausstellungen „Kunst der Gesellschaft“ und „Rosa Barba“ umkreisen die leere Mitte.

          6 Min.

          Wie konnte man es sechs Jahre lang ohne diese Schatztruhe der Kunst aushalten? Nachdem es schon Tage der offenen Tür für die reine Architektur der Neuen Nationalgalerie gab, eröffnet sie nun am Sonntag für das Museumspublikum mit gleich drei Ausstellungen derart fulminant, dass es jedem Besucher wie Schuppen von den Augen fällt, was da all die vergangenen Jahre seit den MoMA- und MET-Großschauen schmerzlich gefehlt hat: ein Gravitationszentrum der Kunst des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Während dieses katastrophalen Säkulums hatte die Nationalgalerie in Deutschland wiederholt die Route vorgegeben, Kanones festgeschrieben, bestimmte Einschätzungen vertieft.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Den politischen Gegebenheiten entsprechend – das geteilte Berlin war immerhin die einzige Hauptstadt der Welt mit zwei Nationalgalerien – war der Fokus des 1968 eröffneten Mies-van-der-Rohe-Gebäudes stark westlich geprägt, männlich auch, wie bei der Pressekonferenz vom neuen Leiter Joachim Jäger gleich mehrfach betont wurde – auch insofern ist der hochsymbolische Museumsbau ein Spiegel seiner Erbauungszeit. Nur eine Zeit bedingungslosen Fortschrittsoptimismus konnte es am 5. April 1967 wagen, ein eintausendzweihundert Tonnen schweres Stahldach mit raffinierten Hubvorrichtungen auf gefühlt nur aus Glas bestehende Wände zu setzen und innen luxuriös wie eine Raucherlounge mit Granit, Marmor und Mooreiche auszustatten. Der Bau war nie demokratisch-partizipativ und sollte es auch nicht sein, schon gar nicht wollte er angefasst werden. Dieser erratische Tempel der Moderne fordert schon durch sein unbedingtes Kunst-sein-Wollen Besinnung auf die Kunst, lässt zur Ruhe kommen, war bei jeder Schau immer schon da. Er ließ zugleich als Schrecken aller Kuratoren im vollkommen verglasten Obergeschoss nichts außer sich selbst als Ausstellungsstück bestehen, Malerei schon gar nicht.

          Ikone der „rauchenden Zwanziger“: Christian Schads „Sonja“ (1928), die eigentlich Albertine hieß, steht   für jene Gesellschaft, die  in der Neupräsentation der Nationalgalerie stellvertretend als unser vermeintliches Spiegelbild hinterfragt wird. Unten: Filmstill aus Rosa Barbas „From Source to Poem“.
          Ikone der „rauchenden Zwanziger“: Christian Schads „Sonja“ (1928), die eigentlich Albertine hieß, steht für jene Gesellschaft, die in der Neupräsentation der Nationalgalerie stellvertretend als unser vermeintliches Spiegelbild hinterfragt wird. Unten: Filmstill aus Rosa Barbas „From Source to Poem“. : Bild: Nationalgalerie

          Was Mies van der Rohe in seinem Entwurf alles mitgedacht hat

          Nur konsequent ist daher, wenn mit „Alexander Calder – Minimal/Maximal“ und der Künstlerin Rosa Barba zwei der drei an diesem Wochenende eröffnenden Ausstellungen sich zuallererst mit dieser Ikone der Architektur auseinandersetzen – der angenehme Nebeneffekt ist, dass Calders spätere Werke die in der Debüt-Schau gezeigte Zeitspanne der Kunst bis in die Siebziger verlängern, von wo aus die 1972 geborene Rosa Barba, die Dritte im Bunde und Frau, den Staffelstab in die Jetztzeit trägt. Wer nun aber spottet, die Bezugnahme von Calder auf Mies und umgekehrt erschöpfe sich im Dekorieren der Vorplätze und Foyers edler Mies-Hochhäuser in Amerika mit des Bildhauers Großskulpturen, irrt. Wie ein Archivfund jüngst zeigte, legte der Baumeister schon der Bauakte der Nationalgalerie eine Fotografie bei, die anhand seines Museumsbaus in Houston/Texas mit einer darin integrierten Skulptur von Calder zeigt, wie die gläserne Halle von Mies als Reliquiar für Skulptur-Ikonen ersonnen war, ja mehr noch, mit und von ihnen lebt.

          Kein Wunder also, dass Calders Hauptwerk „Têtes et Queue“ von 1965 als Außenskulptur zur Eröffnung auf der Terrasse der Nationalgalerie aufgestellt war, wohin sie nun zur Wiedereröffnung zurückkehrte. Steht man im Inneren vor der rot lackierten Stahlskulptur „Five Swords“ mit ihren Gigantenausmaßen von fast sieben mal neun Metern und sieht zu, wie das ungehindert einfallende Licht über diese genieteten Schwerter wandert wie sonst nur über Klingen aus Damaszenerstahl, versteht man, warum Mies Skulpturen als integral für sein Werk mitdachte – die Nationalgalerie ist selbst eine Skulptur, die sich impressionistisch durch das Licht von außen wie von innen beständig wandelt. Ihre perfekt proportionierte Maßstäblichkeit wird durch das halbe Dutzend Großskulpturen Calders noch klarer, gemeinsam treten sie in Interaktion mit den Besuchern, verändern sich permanent durch Licht und Motorik.

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