Ukrainischer Kunstoligarch : Was macht eigentlich Victor Pinchuk?
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Vergangenen Oktober wurde der „Future Generation Art Prize“ noch einmal vorgestellt, dieses Mal in London. Der Ort war die Serpentine Gallery, die Gastgeber damit Julia Peyton-Jones und Hans Ulrich Obrist, die zusammen die Institution leiten. Die Euphorie war groß, wieder einmal wurde eine Flagge für die Werte der Kunst gehisst. In der Pressemitteilung hieß es: „Der Preis ist einzigartig wegen seiner globalen Reichweite und seiner hochdemokratischen Form - die Bewerbung findet über das Internet statt.“
Kunst als Lockmittel für den Westen
Der Philanthrop muss sich dringend fragen lassen, was die Ideen, die er in der Kunst fördert, ihm im eigenen Land gelten. Doch er schweigt. Im Dezember hörte man dazu von ihm nur sanft lobende Worte, als er der „Financial Times“ erzählte, es erfülle ihn mit „riesigem Optimismus“, dass auf dem Majdan „freie Bürger sich Meinungen bilden und sagen, was sie denken“. Als am Abend des 18. Februar Kiew brannte, rang er sich zu einem Statement gegen das Blutvergießen auf dem Majdan durch: "Eine friedliche Lösung muss gefunden werden. Es ist Zeit, dass alle gemeinsam einen Kompromiss finden." Seitdem schweigt er wieder. Auf die Anfrage dieser Zeitung hat er bis Redaktionsschluss dieses Artikels nicht reagiert.
Es war das Jahr 2009, als ich ihn zum ersten und letzten Mal sah, auf einem repräsentativen Platz in Kiew, an dem gerade ein Laden von Armani eröffnet wurde. Die Aufkleber der Beschriftungen waren noch mit Folie verklebt, oben, hinter großen Fenstern und einem langen, sich um das Haus ziehenden Balkon wohnte er damals. Drei Jahre zuvor hatte er sein eigenes Museum eröffnet und damit begonnen, die westliche Kunstwelt in die Hauptstadt zu lotsen. Lockmittel waren in meinem Fall ein Konzert von Kraftwerk und Einblick hinter diese sonst verschlossenen Kulissen.
Das Urteil seiner Kunst
Dort saß er nun, in seinen Gemächern mit schönen Frauen, zwischen Mustern des - damals noch ukrainischen - Impressionismus. Lange würde der sich nicht mehr an den Wänden halten; im Museum sah man schon Andreas Gursky und die Videokunstsammlung von Julia Stoschek. Man muss im Fall von Pinchuk die Kunst sprechen lassen. Was zeigt Pinchuk gerade, der Stadt, dem Land, der Welt?
Auf der Internetseite des Museums kann man sich die aktuelle Ausstellung ansehen: Es ist die erste Einzelschau des Belgiers Jan Fabre in Osteuropa. In „Tribute to Belgian Congo“ geht es um die brutale Sklavenhaltung und Ermordung von Millionen Kongolesen und die Plünderung aller Bodenschätze im Land. Fabre zeigt, so heißt es im Text, „die Markenlogos und Produkte von Firmen, welche die Schrecken im Namen des Profits organisierten, der für die belgischen Industriellen des späten 19. Jahrhunderts ihr ganzer Stolz war“.
Das Kapital der Kunst
Geld, Stolz, Schrecken, Ausbeutung und Unterdrückung - so viel Kritik passt in ein Museum, man erfährt von schrecklichen Dingen, „die geschehen, wo Menschen den Halt im Leben verlieren“. Es ist zwar nicht Victor Pinchuk, der die Ausstellungen kuratiert, es ist der Direktor Eckhard Schneider. Importierte Kritik also. Und vielleicht tut Pinchuk, wenn er für die Kunst zahlt und schweigt, das Beste, was er tun kann. Aber es ist dann eben, gemessen an dem, was geschieht und nötig wäre, doch erstaunlich wenig.
Denn die Kunst, die er zeigt, und die Kunstmenschen, die er importiert, wirken in der Rückschau ganz blass und unbeholfen - wie sie damals einen Tag später auf dem Gelände seines Anwesens vor den Toren Kiews herumstolzierten - in der japanischen Kunstlandschaft, mit japanischen Brücken, japanischen Seen mit japanischen Koi-Karpfen.
Der Fall Pinchuk zeigt: Im Kunstbetrieb sind Begriffe wie „Freiheit“ und „Demokratie“ ein wichtiges Kapital. Auch Victor Pinchuk hat sich und seine Institution damit geschmückt. Jetzt, da die wirkliche Welt außerhalb des Museums danach verlangt, ist eine beunruhigende Stille in Kiews weltweit berühmteste Kulturstätte eingekehrt.