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Fridtjof Küchemann, Redakteur im Feuilleton

Kommentar : Überraschung im Stadtraum

Unter Polizeischutz: das Erdogan-Standbild am Dienstag in Wiesbaden Bild: Reuters

Es kam über Nacht, verschwand über Nacht und wirft kein gutes Licht auf die Initiatoren: Das goldene Erdogan-Standbild hat die hessische Landeshauptstadt überrascht und die Wiesbaden-Biennale überfordert.

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          Geht es nach dem großen Humoristen Karl Valentin, ist Kunst schön, macht aber viel Arbeit. Uwe Eric Laufenberg gemäß tritt Kunst hingegen dann auf, wenn Emotionen plötzlich frei gesetzt werden, die schon da sind. Laufenberg ist Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, das derzeit die Wiesbaden-Biennale veranstaltet, ein Kunstfestival, das sich viel Arbeit mit der Freisetzung von Emotionen macht.

          Quer durch eine städtische Grünanlage hat das Festival einen Zaun ziehen lassen, der an eine Mauer erinnern soll, das Theaterfoyer wurde zum Supermarkt, das Studio zum „performativen Pornokino“. Den größten Erfolg jedoch konnte das Festival, das in seiner anderthalbwöchigen Laufzeit zudem Überraschungen im Stadtraum versprochen hatte, mit einer Installation auf dem zentralen Platz der deutschen Einheit verbuchen.

          Angemeldet und genehmigt war das Aufstellen einer menschenähnlichen Statue. Damit, dass sie die Züge des türkischen Staatspräsidenten Erdogan zeigen könnte, hatte der Magistrat nicht gerechnet. Vor dem vier Metern hohen und golden lackierten Standbild kam es zu den erwarteten hitzigen Diskussionen, mitunter zu Handgreiflichkeiten. Selbst Stichwaffen seien dem Wiesbadener Ordnungsdezernent Oliver Franz zufolge gesichtet worden. Von kunstvoll freigesetzten Emotionen gibt auch der „Wiesbadener Kurier“ eine Kostprobe: Eine Leserin habe bei Facebook die sofortige Entlassung des Magistrats verlangt, ein anderer gefordert, der „sogenannte Künstler“ solle das Standbild umgehend entfernen, hätte er „nur einen Hauch von Ehre, Stolz und Respekt“.

          Inzwischen hat die Stadt in Abstimmung mit der Landespolizei entschieden, die Statue entfernen zu lassen, weil die Sicherheit nicht mehr weiter gewährleistet werden könne. Die Stadt wisse, dass Kunst auch provozieren solle, hieß es. Das Theater zeigt sich umgekehrt verständnisvoll, die öffentliche Sicherheit gehe vor Kunst. Das „Ausmaß der Auseinandersetzungen“ sei unerwartet.

          Von welchem Künstler die Installation stammt, ist auf der Website der Wiesbaden-Biennale nicht zu erfahren. Womöglich ist sie eine Idee des Festivalbüros. Ihr Standort findet sich nicht auf der Übersichtskarte. Womöglich ist der Einfall noch recht jung. Auf der Facebook-Seite des Festivals wird das Standbild mit einem einfachen Foto und der schlichten Zeile „Er ist da!!“ gezeigt. Für die freigesetzten Emotionen – kurdische Kreise sollen dazu aufgefordert haben, überregional zu Protestaktionen nach Wiesbaden anzureisen – scheinen sich die Veranstalter nicht weiter zu interessieren. Dabei müssten sie sich jetzt zu einem Werk stellen, das ihr gesamtes übriges Programm in den Schatten stellt: inhaltlich, auch wenn es Arbeit macht. So ist die Kunst.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

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