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Bild der Woche : Der helle Himmel über dem Kopf

  • -Aktualisiert am

Aus der Dokumentation „Im Spiegel der Maya Deren“ Bild: ddp/intertopics/eyevine/Entertainment Pictures

Maya Deren war Tänzerin. Filmtheoretikerin. Regisseurin. Und Voodoo-Expertin. In ihren Werken hat die russische Emigrantin die Glaubwürdigkeit des Unwirklichen erforscht – und die Zeit in alle Richtungen gedehnt.

          3 Min.

          Es ist 1943. Eine Frau steht am Fenster. In ihrem Zimmer. Sie ist in sich versunken. Magisch schön. Wartet sie auf das Kommende, erinnert sie sich an das Vergangene? Ihre Augen sind auf irgendetwas gerichtet, ruhig und ein bisschen misstrauisch. Ihre Hände berühren das Glas – eine deutlich spürbare Grenze, die jedoch diffus und fragil erscheint.

          Die Welt bebt unter ihren Fingerspitzen. Um sie herum entsteht eine leicht gekräuselte Bewegung, als würde sie nicht Glas, sondern eine Wasserfläche berühren. Die Welt draußen verschmilzt mit ihrer inneren Welt.

          Die leuchtende Fläche erinnert an ein Renaissance-Gemälde. An Leonardo oder an den ganzen avantgardistischen Tumult um Mona Lisa. An das Köpfchen der jungen Frau mit den schmalen Augen von Petrus Christus. Frau, Fenster und Natur sind hier nicht in Perspektive dargestellt, sondern ineinander verschoben.

          Alles spiegelt sich, auch die Bäume der Außenwelt krönen die Frau mit einem pflanzlichen Kranz, so wie Flora in Botticellis „Primavera“. Die Frau im Zimmer wird zur Königin der Natur. Auf den Vorhängen öffnen sich die Blüten. Die Natur wird zum Teil ihres inneren Universums, ihres Wesens. Und dann ist da noch der helle Himmel über ihrem Kopf – gespiegelt.

          Das Bild stammt aus dem ersten und bekanntesten Film der Tänzerin, Filmtheoretikerin, Regisseurin und Voodoo-Expertin Maya Deren. Sie selbst ist hier zu sehen, als Darstellerin ihrer eigenen Ideen. Den Kurzfilm „Meshes of the Afternoon“ hatte sie 1943 zusammen mit ihrem damaligen Mann Alexander Hammid, einem tschechischen Emigranten und Filmemacher, gedreht.

          Der Film wurde in Los Angeles produziert, im Abspann wird „Hollywood“ angegeben – eine ironische Referenz an die Traumfabrik. Der Film verläuft wie eine kreiselnde Sequenz, in variierten Wiederholungen, Traum und Realität verweben sich, es wird auf das ganze surrealistische Glossar angespielt: Schlüssel, Spiegel, Türen, Treppe, Messer, Doppelgänger und Liebhaber, die zu Mördern werden.

          Ob man aus der Realität in den Traum erwacht oder aus dem Traum in die Realität fällt, wird nicht aufgelöst. Der Film in seiner Materialität wird hier zur mythologischen Kunst des Gewebes. Dieses Einzelbild (still shot) ist programmatisch. Es erhält die dynamische und narrative Energie und erscheint auf die Sekunde genau in der Mitte des Films, als wäre er der Hals der filmischen Sanduhr.

          Die Zeit kann sich in jede Richtung ausrollen, als hätte der Film die Struktur einer Torarolle. Im Film sieht die Frau am Fenster sich selbst draußen vorbeirennen. Maya Deren wird zu ihrer eigenen Reflektion. Dieses Bild ist das bekannteste Porträt der Künstlerin und zugleich der bekannteste „Repräsentant“ ihres Werks. Es wird häufig reproduziert, manchmal auch spiegelverkehrt, und auch das folgt der fortlebenden Logik ihrer Kunst.

          Hollywood - oder Kunstreligion?

          Maya Deren wird als Eleonora Derenkowska in eine wohlhabende jüdische Familie in Kiew geboren, im Revolutionsjahr 1917. Ihr Vater ist ein renommierter Psychiater. Die Familie verlässt Kiew 1922 angesichts der Machtwillkür und der Pogrome und emigriert in die Vereinigten Staaten, wo der Name zu Deren gekürzt wird. Sie studiert Politikwissenschaft, Journalismus und englische Literatur und wird zur persönlichen Sekretärin der Choreographin Katherine Dunham.

          Ihre Leidenschaft für Tanz, für rituelle Rhythmen und ekstatische Selbstauflösung lebt sie später im Film aus. Sogar die Filmwelt betritt sie durch eine Art mythologische „Initiation“: Dafür nimmt sie den Vornamen „Maya“ an – einen Namen, der rituelle und religiöse Bedeutungen „kondensiert“: für Buddhisten ist „Maya“ die „Illusion“, in der griechischen Mythologie der „Bote“ und im Sanskrit die „Mutter“.

          Im Jahr 1943 stirbt Derens Vater und hinterlässt ihr seine 16-mm-Kamera. Mit dieser Kamera dreht sie alle ihre Filme, als wäre das Auge des verstorbenen Psychiaters zum Hilfsinstrument mutiert (in dieser Zeit werden gerade solche Handkameras zum zentralen dokumentarischen Medium der Kriegsberichterstattung). Mit ihren wenigen fertiggestellten und einigen nicht beendeten Filmen gilt Deren als „Mutter des US-amerikanischen Avantgarde-Films“. Sie hat nicht nur zahlreiche Filmemacher beeinflusst (besonders David Lynch), sondern hat auch mit ihrem Live-Theater in New York neue Räume für unabhängige experimentelle Filmkunst geschaffen.

          Im Dokumentarfilm „Im Spiegel der Maya Deren“ von Martina Kudláček bezeichnet der Filmemacher Jonas Mekas zwei Stapel Filmdosen von Maya Deren als „den heiligen Gral des Kinos“. Der Tribut eines Freundes? Auf der Suche nach der „Glaubwürdigkeit des Unwirklichen“ hat Maya Deren ein neues Erleben von Zeit und Raum kreiert. Die Frau auf dem Foto beschwört die Zeit wie die Priesterin eines Kults.

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