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Turner-Ausstellung in Münster : Mit Seemannsgarn gefesselt

Die Gipfelstürmer vom Piz Perdü

Mit dem schaurig schönen Schauspiel illustriert die Ausstellung ihr Hauptthema, die Bildaufgaben, die sich aus einem Einfall der philosophischen Ästhetik ergaben, der Entdeckung des Reizes der Übermacht der Natur unter dem Namen der Erhabenheit. Es wird leider nicht dargelegt, welche Theoretiker des Erhabenen Turner zur Kenntnis nahm. Sahen die Maler sich herausgefordert, lebensgefährliche Augenzeugenschaft zu riskieren oder ersatzweise zu erdichten, obwohl die Genugtuung des Betrachters nach Auskunft der Philosophen das Wissen um den fiktiven Status der Bedrohung zur Voraussetzung hatte?

Die Ausstellung deutet solche Rollenbildzwänge an, schreckt aber davor zurück, als These zur Diskussion zu stellen, was sie suggeriert. Erkennbar geht es ihr darum, Turners Reisen, zumal die Erkundung der Alpen, mit Pathos aufzuladen. Nüchtern betrachtet, besorgte sich Turner mit den Ansichten von Natursehenswürdigkeiten das Material für seine Berufsarbeit.

Der Kontrast zu Vernet soll für sich sprechen. In Turners „Schneesturm“, behauptet der Katalog, „entstand tatsächlich die Illusion, als würde man durch die Augen des Künstlers blicken, der, angebunden an einen Mast, von den Elementen umschlossen wird“. Die Ausdrücke „Illusion“ und „tatsächlich“ sind hier genauso zweideutig wie im selben Absatz die Begriffe „Authentizität“ und „Realitätsnähe“. Selbst die empirische Ästhetik unserer Zeit wird nicht den Nachweis führen können, dass ein Mensch, der auf schwankendem Boden im Sturmregen vier Stunden lang fixiert wird, dasselbe sieht wie der Betrachter von Turners Gemälde.

Seltsames Ferienerlebnis

Diese Interpretation fesselt den Betrachter mit Seemannsgarn: Eine ins Auge stechende formale Eigenschaft des Bildaufbaus wird in den Stoff eines abenteuerlichen Erlebnisses übersetzt. Die Linien formieren sich zu einem gewaltigen Wirbel: Es ist unser Blick, der auf einen Punkt fixiert wird. Turner soll gesagt haben, er habe nicht erwartet, seiner Lage heil zu entkommen. Das war ein Bild für die Macht seines Bildes. In Münster rechnet man nicht damit, dass Turner, der es gewohnt war, im Sturm der Kritik zu stehen, sich mit dem Bildtitel und der nachgeschobenen Geschichte der Mutprobe einen Scherz erlaubt haben könnte. Er hatte den Hohn der Berufsbetrachter schon im Ohr: Können Sie den Quatsch verstehen? Und er antwortete: Sie sollen ihn gar nicht verstehen. Ein Kritiker hatte gespottet, das Bild zeige Seifenlauge und weiße Tünche.

Der orientierungslose Kollege vom „Athenaeum“ hatte sich immerhin die Bemerkung verkniffen, man sehe nicht, wo oben und unten sei. Dieser Topos begleitete Turners Ausstellungen seit den späten zwanziger Jahren: Es sei nicht zu erkennen, ob ein Bild richtig herum hänge. Im Rückblick drängt sich der Eindruck auf, dass diese Bosheiten Merkmale von Turners Malweise trafen, die ihm den Ruhm eines Wegbereiters der Moderne eintrugen. Den vorletzten Saal widmet die Ausstellung den späten Gemälden, die scheinbar keinen Gegenstand mehr haben. Die Bedingungen von Turners Vermächtnis zugunsten der Nation sahen allerdings vor, dass nur die vollendeten Werke öffentlich gezeigt werden sollten. In der Ausstellung wird keine Scheidung vollendeter und unvollendeter Bilder vorgenommen. Das scheinbar evident proto-moderne Moment von Turners Stil wird dadurch übertrieben. Wie in Werner Haftmanns Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie 1972 vollendet sich Turners Werk in dieser Sicht in der Vorwegnahme der modernen Erhabenheit der Abstraktion.

Schrecken stiftet Genuss: In dieser popularisierten, tourismuskompatiblen Fassung führt die Münsteraner Ausstellung die Lehre vom Erhabenen in ihrem Titel an, ohne den Gedanken in Zeugnissen des Künstlers nachzuweisen. Sie entdeckt ihn auch nicht hinter der Tatsache, dass Turners Unglücksschiff wie ein heiteres Feenwesen heißt und nicht etwa „Horror“ oder „Terror“. Die Verunsicherung, die man vor Turners letzten Bildern immer noch empfinden möchte, ist längst eine Garantie für Wohlbehagen. Doch Turner soll über seinen „Schneesturm“ gesagt haben: „Niemand hat ein Recht darauf, das Bild zu mögen.“

Turner. Horror and Delight. Im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster; bis zum 26. Januar 2020. Der Katalog kostet 27 Euro.

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