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Trevor Paglens Fotografien : Die Kunst der Geheimdienste

  • -Aktualisiert am

Trevor Paglen macht sichtbar, was nach dem Willen der NSA unsichtbar bleiben soll. Der Frankfurter Kunstverein zeigt sein jüngstes Werk. Es führt uns zu den Urlaubsinseln in der Nordsee.

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          Über seine Arbeit kann Trevor Paglen erstaunliche Geschichten erzählen. Eine davon geht so: Vor einigen Jahren stand er mit einer Kamera in der Wüste von Nevada, als er eine Drohne über sich bemerkte, die ihr Kameraauge auf ihn richtete. Die Drohne drehte ab, Paglen blieb. Wenig später sah er einen Jeep auf sich zukommen. Staub wirbelte auf, Bremsen quietschten. Ein Angehöriger des Militärs stieg aus und nahm die Personalien auf. Paglen blieb noch immer. Da, erst klein wie ein Fliegenschwarm, rückten auf einmal weitere Jeeps an. Noch mehr Staub, noch lauteres Bremsenquietschen. Dieses Mal verließ ein Offizier den Wagen. „Trevor Paglen?“, fragte dieser. „Ja“, bestätigte der Künstler. Und dann folgte der überraschende nächste Satz des Offiziers: „Ich bin ein Fan Ihrer Bücher!“

          Warum sollte ein amerikanischer Offizier die Bücher eines Künstlers mögen? Warum sollte er sich überhaupt für einen Künstler interessieren? Und was macht der mit einer Kamera in der Wüste?

          Von Freitagabend an gibt eine Ausstellung im Frankfurter Kunstverein Antworten auf diese Fragen. Es handelt sich dabei um eine Überblicksschau, die Werke von Paglen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten zeigt. Der Amerikaner, geboren 1974, gilt längst als Berühmtheit des Kunstbetriebs und darüber hinaus. Am Sonntag erhält er in Frankfurt den „Kulturpreis 2015“ der Deutschen Gesellschaft für Photographie. In diesem Jahr wurde er bereits mit einem Oscar ausgezeichnet, als Kameramann und Rechercheur des Dokumentarfilms „Citizenfour“ über die Snowden-Affäre. Über Paglen ist auch in dieser Zeitung bereits ausführlich geschrieben worden. Die Frankfurter Ausstellung wirft jedoch eine weitere Frage auf, die in dieser Dringlichkeit bisher nicht formuliert worden ist. Handelt es sich nämlich bei dem, was wir dort sehen, um eine neue Form der Kunst? Oder des Journalismus? Oder noch mehr: um ein mögliches Zukunftsmodell der investigativen Recherche?

          Mit einem neuen Ausstellungselement rückt die Schau das journalistische Arbeiten von Paglen in den Fokus. An den Wänden hängen seine Bilder, aufwendig produzierte Werke, die auf den ersten Blick häufig wie Fotografien aussehen, aber technisch weit über die herkömmlichen Mittel hinausgehen. In diesen Bildern, die oft die Tradition der Landschaftsmalerei aufgreifen, werden etwa die Bewegungen von Spionagesatelliten oder, mit Hilfe von Hochleistungsteleskopen, die Standorte von geheimen Militäranlagen sichtbar gemacht. Was aussieht, als müsste es einen idyllischen Titel tragen wie „Kometen über Felsenlandschaft“, heißt bei Paglen sperrig und nüchtern: „KEYHOLE IMPROVED CRYSTAL from Glacier Point (Optical Reconnaissance Satellite; USA 186)“, 2008. Was an die hoffnungsfrohen Himmelszeichen der christlichen Malerei erinnert, sind die Flugbahnen emsiger Satelliten der Geheimdienste.

          Neu ist aber nun, dass sich in jedem Raum auch eine Vitrine befindet: Sie gibt Einblick in das ausufernde Recherchematerial – das Wurzelwerk also, das jedes einzelne Bild mit Nahrung versorgt. Wie Wüstengräser, die in wasserarmen Böden ein vielarmiges Versorgungssystem durch den Untergrund wühlen, muss auch Paglen seine Arbeit in eine Infrastruktur einbetten, um sich schwer zu beschaffende Informationen zu besorgen. Die großen gerahmten Werke sind eigentlich der kleinste Teil. Ihr Rhizom kann jetzt besichtigt werden: Fotos, Flugpläne, Karten, Gerichtsunterlagen, Handelsregisterauszüge, Zeitungsartikel, Hackervideos mit abgefangenen Daten, E-Mails an und von investigativen Journalisten, selbstverständlich verschlüsselt. Diese Dokumente verorten Drohnenstützpunkte, Foltergefängnisse, Spionagesatelliten oder die Standorte des amerikanischen Nachrichtendienstes NSA. Im Jahr 2006 veröffentlichte Paglen das Buch „Torture Taxi“, zusammen mit dem Journalisten A. C. Thompson. Aufgedeckt wurden darin Flugwege und die Kooperationen der CIA mit privaten Unternehmen, Terrorverdächtige weltweit zu entführen und in Foltergefängnisse zu verschleppen.

          Paglen, der Kunst und Geographie studierte, glaubt an die Macht des Sichtbaren. Geheimdienste wollen unsichtbar bleiben. Wenn sie erfolgreich sind, scheinen ihre Operationen so schwerelos und plötzlich wie Magie. Kein Agent ist aber ein Hexer, sondern ein Individuum mit einem Namen und Auftrag. Darum hat sich Paglen der Aufgabe verschrieben, ein Bild zu machen, für sich, für uns: von den Orten der Geheimdienste, ihren Technologien, Verkehrsmitteln, Personen und Verbindungen.

          „The Octopus“ lautet der Titel der Ausstellung, nach einer Art Wappentier der NSA, das sich auf einem Stoffabzeichen amerikanischer Militäruniformen findet. Darauf schlingt ein Krake seine Fangarme um den Globus. Die Unterschrift lautet „Nothing is Beyond Our Reach“. Der Oktopus symbolisiert also das weltumspannende Überwachungssystem, das nach den Terroranschlägen von 2001 ins Monströse gewachsen ist. Und Paglen, wenn man so will, arbeitet an einem Gegenprogramm dazu: einem ebenfalls weltumspannenden Oktopus, der seinerseits zutage fördert, was verschleiert werden soll. Manchmal geht er auch den umgekehrten Weg. In Frankfurt hat er die Skulptur „Autonomy Cube“ installiert. Sie bietet Besuchern über WiFi Zugang zu „Tor“, dem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten. Das Private wird damit wieder geheim.

          Wer aber, fragt man sich hier spätestens, finanziert diese Recherchen und Projekte? Keine Zeitung, keine Fernsehanstalt, kein Verlag, sondern: das Kunstsystem. Vertreten wird Paglen in Deutschland von der renommierten Kölner Galerie Thomas Zander. Sie bietet in diesen Tagen auf der Art Basel eine Fotografie aus der Serie „Untitled (Reaper Drone)“ von 2015 für 20.000 Dollar an. Der Kunstmarkt und dessen hochtouriges Preissystem steht häufig in der Kritik. Auf diese geniale Idee aber muss man erst einmal kommen: Künstler wie Paglen oder auch der Neuseeländer Simon Denny zapfen die fast unendlich scheinenden Ressourcen des Kunstbetriebs an, um Öffentlichkeit herzustellen. Originale oder Editionen werden zur Währung der investigativen Recherche.

          Öffentliche Institutionen sind darüber hinaus geradezu ideale Multiplikatoren. Sie werden von interessierten Laien aller Altersstufen durchlaufen, bis hin zu den Schulklassen. Andere Medien berichten über sie; angedockt wurde also an ein System, das dafür eingerichtet wurde, Inhalte in viele Richtungen zu pumpen.

          Paglens jüngste Arbeit handelt von Deutschland. Eine Karte zeigt die Nordseeküste, davor die Inseln, von Juist bis Langeoog, mit denen wir vor allem eines verbinden: Ferien. Bei der NSA steht die Region für etwas anderes: Überwachungsstationen. Ein Foto zeigt einen winzigen Windsurfer auf der Nordsee. Daneben hängt eine Schifffahrtskarte, in der die Inseln auf roten Fäden aufgeschnürt scheinen, die sich zum Festland ziehen. Die Linien bezeichnen die Glasfaserleitungen, die auf dem Meeresgrund von Amerika aus nach Deutschland führen und dort auf das Festlandnetz treffen. An den Verbindungspunkten - auf der Karte mit roten Stecknadeln markiert – greift die NSA Daten ab. Wir nennen es Urlaub. Sie nennen es Arbeit.

          Nach Frankfurt hat Franziska Nori den Künstler geholt, die neue Leiterin des Kunstvereins. Mit Paglen hat sie bereits zuvor zusammengearbeitet, als sie die Gegenwartskunst am Palazzo Strozzi in Florenz verantwortete. Ihr erster großer Auftritt nun ist triumphal. Vor wenigen Wochen eröffnete bereits die Schau „Psychoprosa“ des österreichischen Künstlers Thomas Feuerstein. Die Paglen-Retrospektive wird nun im Rahmen der „Ray Fotoprojekte“ gezeigt, einer Gemeinschaftsveranstaltung mehrerer Museen, und sie liefert ein sehr gutes Argument dafür, warum eine Stadt neben den großen Museumstankern einen Kunstverein braucht. Diese nämlich entstanden im neunzehnten Jahrhundert aus bürgerschaftlichem Engagement heraus, einer Haltung, in der auch Paglens Bildproduktion verankert ist. Kunstvereine waren im besten Sinne Bürgerinitiativen, man wollte keine Kunst von oben mehr. Diesen Gedanken dreht Paglen sogar noch weiter: Die Ausstellung zeigt auch die Ergebnisse eines zuvor ausgerufenen Wettbewerbs, bei dem Bürger die Überwachungslandschaft ihrer Region fotografieren sollten. Was Paglen vormacht, ist demnach eine Kunst für alle. Auch das, lange vor Joseph Beuys, war zuerst im neunzehnten Jahrhundert ein bürgerliches Schlagwort.

          Die Auflösung der anfangs erzählten Geschichte darf natürlich nicht vergessen werden. Warum mag der Offizier Paglens Bücher? Weil die Welt der Geheimdienste auch für ihre Mitglieder ein Rätsel sein kann. Eine Einheit weiß nicht, was die andere macht, mit den Familien darf nicht darüber geredet werden. Paglens Buch über die Embleme der Geheimdienste von 2007 ist daher ein Bestseller auf Militärstationen. „I Could Tell You but Then You Would Have to Be Destroyed by Me“ lautet der Titel. Der Oktopus als Zeichen von Spionageeinheiten des Militärs ist auch darin abgebildet. Dass Paglen das Geld und die Mittel des Kunstbetriebs angezapft hat, um selbst ein vielarmiges Gegengeschöpf ins Rennen zu schicken, ist eine der besten Nachrichten seit langem.

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