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Trevor Paglens Fotografien : Die Kunst der Geheimdienste

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Neu ist aber nun, dass sich in jedem Raum auch eine Vitrine befindet: Sie gibt Einblick in das ausufernde Recherchematerial – das Wurzelwerk also, das jedes einzelne Bild mit Nahrung versorgt. Wie Wüstengräser, die in wasserarmen Böden ein vielarmiges Versorgungssystem durch den Untergrund wühlen, muss auch Paglen seine Arbeit in eine Infrastruktur einbetten, um sich schwer zu beschaffende Informationen zu besorgen. Die großen gerahmten Werke sind eigentlich der kleinste Teil. Ihr Rhizom kann jetzt besichtigt werden: Fotos, Flugpläne, Karten, Gerichtsunterlagen, Handelsregisterauszüge, Zeitungsartikel, Hackervideos mit abgefangenen Daten, E-Mails an und von investigativen Journalisten, selbstverständlich verschlüsselt. Diese Dokumente verorten Drohnenstützpunkte, Foltergefängnisse, Spionagesatelliten oder die Standorte des amerikanischen Nachrichtendienstes NSA. Im Jahr 2006 veröffentlichte Paglen das Buch „Torture Taxi“, zusammen mit dem Journalisten A. C. Thompson. Aufgedeckt wurden darin Flugwege und die Kooperationen der CIA mit privaten Unternehmen, Terrorverdächtige weltweit zu entführen und in Foltergefängnisse zu verschleppen.

Paglen, der Kunst und Geographie studierte, glaubt an die Macht des Sichtbaren. Geheimdienste wollen unsichtbar bleiben. Wenn sie erfolgreich sind, scheinen ihre Operationen so schwerelos und plötzlich wie Magie. Kein Agent ist aber ein Hexer, sondern ein Individuum mit einem Namen und Auftrag. Darum hat sich Paglen der Aufgabe verschrieben, ein Bild zu machen, für sich, für uns: von den Orten der Geheimdienste, ihren Technologien, Verkehrsmitteln, Personen und Verbindungen.

„The Octopus“ lautet der Titel der Ausstellung, nach einer Art Wappentier der NSA, das sich auf einem Stoffabzeichen amerikanischer Militäruniformen findet. Darauf schlingt ein Krake seine Fangarme um den Globus. Die Unterschrift lautet „Nothing is Beyond Our Reach“. Der Oktopus symbolisiert also das weltumspannende Überwachungssystem, das nach den Terroranschlägen von 2001 ins Monströse gewachsen ist. Und Paglen, wenn man so will, arbeitet an einem Gegenprogramm dazu: einem ebenfalls weltumspannenden Oktopus, der seinerseits zutage fördert, was verschleiert werden soll. Manchmal geht er auch den umgekehrten Weg. In Frankfurt hat er die Skulptur „Autonomy Cube“ installiert. Sie bietet Besuchern über WiFi Zugang zu „Tor“, dem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten. Das Private wird damit wieder geheim.

Wer aber, fragt man sich hier spätestens, finanziert diese Recherchen und Projekte? Keine Zeitung, keine Fernsehanstalt, kein Verlag, sondern: das Kunstsystem. Vertreten wird Paglen in Deutschland von der renommierten Kölner Galerie Thomas Zander. Sie bietet in diesen Tagen auf der Art Basel eine Fotografie aus der Serie „Untitled (Reaper Drone)“ von 2015 für 20.000 Dollar an. Der Kunstmarkt und dessen hochtouriges Preissystem steht häufig in der Kritik. Auf diese geniale Idee aber muss man erst einmal kommen: Künstler wie Paglen oder auch der Neuseeländer Simon Denny zapfen die fast unendlich scheinenden Ressourcen des Kunstbetriebs an, um Öffentlichkeit herzustellen. Originale oder Editionen werden zur Währung der investigativen Recherche.

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