https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/traeume-von-freiheit-romantik-in-russland-und-deutschland-im-albertinum-dresden-17567780.html

Romantikausstellung in Dresden : Die Widerständigkeit des Weltgeists

Ohne Russen wäre Caspar David Friedrich verhungert: Dresden zeigt in einer Ausstellung, wie viel deutsche und russische Romantik gemein haben.

          4 Min.

          Die russische Seele wird man ebenso wenig ohne einen Blick in die Zeit der Romantik um 1830/40 verstehen können wie viele Besonderheiten der deutschen Politik, be­sonders der Grünen. Ähnliches gilt für die zeitgenössische Kunst: Sobald der Fotograf Andreas Mühe Angela Merkel ver­sonnen aus dem Zugfenster blicken lässt, auf ei­nem Bild eine die Unendlichkeit von Landschaft oder Meer schauende Rückenfigur auftaucht oder Eisschollen sich krachend auftürmen (eine aktuelle Arbeit zählt mehr als zweihundert direkte Zitate der „Gescheiterten Hoffnung“ durch Zeitgenossen), fällt als Inspirationsquelle mit großer Sicherheit – und völlig zu Recht – der Name Caspar David Friedrich.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass Friedrich aufgerufen wird und nicht etwa Alexej Wenezianow, Alexander Iwanow oder Wassili Tropinin, dies zu ­ ­än­dern, haben sich jetzt die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vorgenommen. In ungekannt enger Kooperation mit der Moskauer Tretjakow-Galerie, wo die erste Station der Schau stattfand, werden im Dresdner Albertinum 140 Bilder deutscher und russischer Romantiker gezeigt, tatsächlich die Crème de la Crème dieser gemalten Welthaltung aus der Romantiker-Hauptstadt Dresden, noch zusätzlich bereichert durch die staat­liche Tretjakow-Galerie als unbestrittenes Schatzhaus der russischen Kunst. Nicht weniger als zehn Friedrichs hat allein die Eremitage in Petersburg ausgeliehen, sodass in einem der Glanzräume der labyrinthischen, von Daniel Libeskind an sein dekonstruiertes Dresdner Militärmuseum angelehnten Ausstellungsarchitektur eine bemerkenswerte Bildertrias präsentiert wird: „Auf dem Segler“, wohl von 1820, „Die Schwestern auf dem Söller am Hafen“ aus demselben Jahr sowie „Mondaufgang über dem Meer“ von 1821 sind nicht nur drei der größten Gemälde Friedrichs; sie stammen auch allesamt aus der Sammlung von Zar Nikolaus I. und werden zum ersten Mal zusammen in Deutschland gezeigt. Neben der individuellen Bildaussage der in den mondbeschienenen Nachthimmel aufragenden gotischen Kathedraltürme und Schiffsmasten wurde die Dreiheit dieser kurz hintereinander ent­standenen Bilder schon in der Zarensammlung mit der Zweitbedeutung der christ­lichen Tugenden „Glaube, Liebe, Hoffnung“ aufgeladen.

          Sonst wäre er verhungert

          Bis man allerdings zu diesem atemnehmenden Triptychon Friedrichs gelangt, muss man im Ausstellungslabyrinth alternativer Wege mehrfach von seinem Freiheitsrecht Gebrauch machen – schließlich haben die Dresdner Sammlungen als unübersehbaren Wink gleich mit dem ge­samten Zaun in Richtung aller Staats­repression den Moskauer Ausstellungstitel „Träume von Freiheit“ nicht grundlos beibehalten. Entstehen solche Träume doch nur in unfreien Systemen, wie sie deutsche und russische Romantiker in der bleiernen Zeit nach den Karlsbader Beschlüssen re­spektive in Russland nach dem Dekabristenaufstand zu durchleiden hatten.

          Caspar David Friedrichs „Mondaufgang über dem Meer“ in der Dresdner Ausstellung Bilderstrecke
          Bilder in der Ausstellung : Träume von Freiheit – Romantik in Russland und Deutschland

          Dieses Leiden der Romantiker beider Länder an Leben und Gesellschaft wird in der Schau keinesfalls unkritisch ausgeklammert, erhält dort vielmehr breiten Raum: Der malerisch hochbegabte Leibeigene Grigori Soroka etwa nimmt sich das Leben, weil er über die Schmach des Ausgepeitschtwerdens nicht hinwegkommt. Und selbst die Vita Friedrichs, der wie die Idealisten auf der absoluten Freiheit des Individuums und damit zu­gleich auf einer individuellen statt kollektiv romantischen Aussage seiner Bilder be­harrt, war voller Rückschläge: Von seinem ersten Hauptwerk an, dem Tetschener Al­tar, wird ihm von Ramdohr und vielen anderen unentschlüsselbare Privatmythologie und Mystizismus vorgeworfen. Keineswegs darf seine heutige Bekanntheit auf die damalige Zeit übertragen werden, noch zu Lebzeiten versank er in Bedeutungslosigkeit, die vom Zaren angekauften Friedrichs wurden nach dessen Tod im Inventar bald schon einem „unbekannten Maler“ zugeschrieben. Hätte ihn sein Bewunderer, der wohlhabende russische Staatsrat Wassili Schukowski, mit Bildankäufen und Vermittlungen an den Petersburger Zarenhof nicht massiv unterstützt, wäre Friedrich spätestens nach seiner Arbeitsunfähigkeit durch Schlaganfall im Jahr 1835 schlicht verhungert.

          Weitere Themen

          Fußball, Mode und Urlaub

          Spanien-Bild der Medien : Fußball, Mode und Urlaub

          Wenn Spanien in den internationalen Medien auftaucht, geht es selten um Politik. Dafür erscheint das Land einer Studie zufolge als Ferienparadies und „Fußballmacht“. Das sei gar nicht so schlecht.

          Topmeldungen

          Wollen eine Identifikationsnummer: Russische Bürger vor einem Bürgeramt in Almaty

          Mobilmachung in Russland : Abgesetzt aus Putins Reich

          Zigtausende Russen sind wohl schon nach Kasachstan geflohen. Dessen Präsident Tokajew verspricht Hilfe – und setzt sich von Putin ab.

          Sabotage an Nord Stream : Eine bekannte Gefahr

          Seit Montag entweicht aus drei Lecks in den Pipelines Nord Stream 1 und 2 Gas in die Ostsee. Nun fragen sich alle: Wer hat die Pipelines sabotiert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.