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Tomi-Ungerer-Ausstellung : Meister der Sozialdemontage

Jagd nach dem Golfball: Tomi Ungerer, Untitled aus dem Jahr 2013 Bild: Tomi Ungerer

Er schreckte nicht davor zurück, sich Feinde zu machen, aber sein frühester Antrieb war Mitgefühl: Die Sammlung Falckenberg zeigt die erste postume Retrospektive von Tomi Ungerer.

          3 Min.

          Als vor drei Jahren Tomi Ungerer starb, war unter den Anrufern, die seiner in Irland lebenden Familie ihr Beileid aussprachen, auch Harald Falckenberg. Der Hamburger Unternehmer und Kunstsammler hatte den elsässischen Zeichner Mitte der Achtzigerjahre kennen- und schätzen gelernt, aber noch nie etwas von ihm gekauft. Dabei passte Ungerers Schaffen durchaus zu seiner von Falckenberg selbst als „rebellische Nachkriegskunst“ beschriebenen Sammlung, die seit 2001 in den ehemaligen Phoenixwerken in Hamburg-Harburg öffentlich zugänglich ist. Wie gut beides zusammenpasst, das zeigt jetzt dort die Ausstellung „Tomi Ungerer – It’s all about freedom“. ­Falckenberg hatte sie kurzerhand gleich in seinem Beileidsanruf vorgeschlagen, und so ist es die erste Schau geworden, die Zugriff auf den bei der Familie verbliebenen Nachlass hatte.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun mag man sich fragen, was es bei einem derart bekannten und viel ausgestellten Künstler wie Ungerer noch zu entdecken geben könnte. Bereits zu Lebzeiten hatte er ja den Großteil seines Werks an das nach ihm benannte Museum in seiner Heimatstadt Straßburg gegeben – dachte man. Aber im eigenen Be­sitz hatte er zudem zahllose Arbeiten, die unpubliziert geblieben waren. So viel, wie dieser unermüdlich einfallsreiche Künstler schuf, konnte kein Verlag der Welt drucken. Dadurch kann die Sammlung Falckenberg nun etwa staunenswerte Alternativbilder und Varianten zu so berühmten Bilder­büchern wie „The Party“, „Babylon“, „Heute hier, morgen fort“ oder „Slow Agony“ zeigen – neben et­lichen Originalen natürlich, die den Weg in diese Bücher gefunden hatten. Denn auch das Ungerer-Museum in Straßburg hat großzügig ausgeliehen für diese erste postume Retrospektive.

          Tomi Ungerers Zeichnung für „Otto“ aus dem Jahr 1999 Bilderstrecke
          Tomi Ungerer in Hamburg : „It’s all about freedom“

          Es dürfte aufgefallen sein, dass die vier genannten Titel alles Bilderbücher für Erwachsene sind. Eines davon, „The Party“ aus dem Jahr 1966, ist zudem dasjenige, mit dem Ungerer sich in den Vereinigten Staaten, wo er seit 1956 lebte, großen Ärger wegen seines bösen Blicks auf die feine Gesellschaft von New York eingehandelt hatte. Fortan galt der dort zuvor als Reklamekünstler und Kinderbuch­autor höchst erfolgreiche Zeichner als Persona non grata, und daraus zog er Konsequenzen: 1967 publizierte er seine schon seit Jahren angefertigten Plakate gegen den Vietnamkrieg und die amerikanische Rassenpolitik, die er bislang aus Vorsicht zurückgehalten hatte, und 1971 verließ er das Land und ging nach Kanada, weitab von jeder Großstadt an die Küste. Wie später dann auch in Irland.

          Wohl deshalb blieb eine amerikanische Bilderserie, für die Ungerer wohl Ende der Sechzigerjahre die Strandbesucher im Urlaubsgebiet der Hamptons bei New York beobachtet und gezeichnet hatte, unpubliziert und bislang auch gänzlich unbekannt. In Hamburg werden jetzt gleich zwanzig Blätter daraus gezeigt, und die Verwandtschaft in Witz, Bosheit und Genauigkeit mit dem gleichzeitig entstandenen Zyklus des französischen Kollegen Sempé über die blasierten Sommergäste von Saint-Tropez frappiert. Beide Zeichner erweisen sich mit diesen Sozialdemontagen einmal mehr als die großen Gesellschaftskritiker ihrer Zunft aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

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          Wobei selbstverständlich auch einiges aus den Kinderbilderbüchern von Ungerer zu sehen ist, aber dann nicht das Berühmteste. Nur ein Blatt aus den „Drei Räubern“ ist vertreten, dafür aber alle Zeichnungen zum 1999 erschienenen „Otto“, der ebenso flammenden wie herzerwärmenden Anklage Ungerers gegen den Krieg. Woher dieses Lebensthema kommt, das führt „It’s all about freedom“ durch rund zwei Dutzend ganz frühe Arbeiten vor, entstanden im Alter von sieben Jahren bis Anfang zwanzig, also kurz vor dem Zeiten Weltkrieg, während dessen Wütens – als das Elsass deutsch okkupiert war – und danach. Darin erweist sich schon der Knabe als wunderbar ironischer Beobachter, vor allem aber überraschenderweise der junge Erwachsene als durch das beobachtete Elend mitfühlender Zeuge, der kurzfristig nichts Spöttisches zu Papier bringt.

          Besonders eklatant in dieser Beziehung ist ein Aquarell, das auf 1944 datiert ist und beschriftet mit „Les Vaincus“ (die Besiegten): laut eigenhändigem Vermerk eine Szene aus Aachen, der ersten damals von den Alliierten eroberten deutschen Stadt. Darauf steht eine abgerissene junge Frau mit ihrem Kind in einer Trümmerwüste, und keine Spur von Zorn über die da ja noch aktuellen deutschen Kriegsgegner. Doch der dreizehnjährige Ungerer, selbst im Elsass gerade erst befreit, kann seinerzeit nicht in Aachen gewesen sein, und der Stil der Zeichnung verweist klar auf andere auch in Hamburg zu sehende Blätter von 1952. Der später so gerne zwischen allen Stühlen agierende Ungerer begann in der Nachkriegszeit nicht als Rebell, sondern als zeichnender Vermittler. Also doch nicht der richtige Künstler für Falckenberg?

          Der Titel der Ausstellung stammt denn auch gar nicht von Ungerer, sondern von Willem de Kooning, einem langjährigen Künstlerfavoriten des Sammlers. Dessen Begeisterung für Ungerer ist demgegenüber eher jung. Aber auf die drei Etagen der Retrospektive folgt noch eine vierte, in der Werke aus Falckenbergs Sammlung gezeigt werden, die ästhetisch und inhaltlich ganz in Ungerers Geist gefertigt sind: von Mike Kelley, Raymond Pettibon, Nicole Eisenman, Paul McCarthy, Peter Saul, Ralf Ziervogel. Doch, Tomi Ungerer passt hierhin. Und besser nach dem Tod als nie.

          Tomi Ungerer – It’s all about freedom. In der Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg; bis zum 24. April (derzeit regulär nur an Samstag und Sonntag). Der leider nicht vollständige Katalog, erschienen bei Hatje-Cantz, kostet in der Ausstellung 35,-, sonst 44,- Euro.

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