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Zum Tod von Arno Lederer : Der Meister der anderen Moderne

Arno Lederer Bild: Gabriela Neeb

Historisch bestens informiert: Der Architekt Arno Lederer hat bei allem Eigensinn immer darauf geachtet, dass seine Entwürfe in ihre Umgebung passen. Jetzt ist der vielleicht beste Baumeister Deutschlands in seiner Heimatstadt gestorben.

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          Vermutlich konnte er auch Hochdeutsch. Doch der Stuttgarter Architekt Arno Lederer hatte es nicht nötig, den Dialekt seiner schwäbischen Heimat zu verleugnen. In den drei Dimensionen, auf die es in der Baukunst ankommt – Detail, Haus, Stadt –, konnte er schließlich alles. Man schaue nur auf Lederers jüngstes Meisterwerk, auf das Volkstheater in München. Es fügt sich mit dem vorherrschenden Fassadenmaterial (Klinker) in die Umgebung des Schlachthofviertels in der Isarvorstadt ein, um gleichzeitig sehr selbstbewusst aufzutreten: Ein großzügiger Torbogen markiert den Eingang und signalisiert gemeinsam mit der weißen Membran des Bühnenturms den Anspruch auf jene Feierlichkeit und Präsenz, der einem Kulturort zukommt. Im Inneren des Theaters hat Lederer jedem Winkel seine gestalterische Aufmerksamkeit gewidmet, bis hin zu den Lampenschirmen im Zuschauerraum, für die er herkömmliche Blumentöpfe verwendete.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Diese Sorgfalt und Originalität im Ganzen wie in den Einzelheiten müssen sich die Besucher des Volkstheaters ebenso wenig wie die Nutzer von Lederers anderen Bauten bewusst vor Augen führen, um in gehobene Stimmung versetzt zu werden. Zum Glück war es dem ungemein belesenen Lederer jedoch ein Anliegen, seine Vorstellungen von guter Architektur zu verbreiten, und zwar auf vielen Kanälen: Er war engagierter Hochschullehrer in Stuttgart und Karlsruhe, gefragtes (und gegenüber anderen Haltungen durchaus tolerantes) Mitglied in zahlreichen Preisgerichten und nicht zuletzt begehrter Vortragsredner und Interviewpartner. Auch als Buchautor ist er hervorgetreten. In der Rolle des Vermittlers fand Lederer eine eingängige Formel für seine Vorstellung von guter Architektur, die seither immer wieder zitiert worden ist: „Ein Haus muss sich benehmen können.“

          Am großen Verkehrsfluss: die Hauptfassade des Erweiterungsbaus der Württembergischen Landesbibliothek befindet sich an der stark befahrenen B 14.
          Am großen Verkehrsfluss: die Hauptfassade des Erweiterungsbaus der Württembergischen Landesbibliothek befindet sich an der stark befahrenen B 14. : Bild: Brigida Gonzalez

          Diese Maxime, die auf innere Haltung, äußere Erscheinung und gesellschaftliche Umgangsformen zielt, traf seinen Ansatz einerseits sehr gut. Andererseits wirkte ihr Tonfall für manche Ohren etwas altbacken, was zu Missverständnissen Anlass gab. In einem Interview mit der Fachzeitschrift „Bauwelt“ wollte ihn ein Gesprächspartner als konservativen Architekten etikettieren. Lederer wehrte sich gegen diese Einordnung, und das zu Recht. Die Baugeschichte zu kennen und hin und wieder auf ihr Formenvokabular zurückzugreifen ist nicht konservativ. Auch das Beharren auf Schönheit als Kategorie der Architektur ist es nicht zwangsläufig.

          Lederer, der im Le-Corbusier-Haus im Berliner Westend mit seiner Frau und Büropartnerin Jórunn Ragnarsdóttir einen Zweitwohnsitz hatte, begriff sich als Architekt in der Tradition einer historisch informierten Moderne, die auf die haptische Qualität der Baumaterialien achtet, den Einsatz von Farbe nicht scheut und bei Bedarf sogar Mut zu Dekor beweist, wie es Lederer mit dem Historischen Museum in Frankfurt und dessen komplexer Sandsteinfassade vorgeführt hat. Diesen Strang hatte es neben der radikalen Avantgarde und dem Mainstream der weißen Moderne immer gegeben.

          Die Haltung, ein Gebäude aus dem vertieften Verständnis seines Standorts und gemäß dem eigenen Stilideal zu entwickeln, hat aufgrund des damit verbundenen Aufwandes den Wirkungskreis des Büros LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei regional begrenzt. Seine Bauten finden sich ganz überwiegend südlich der Mainlinie. Es ist kein einziger ganz auf den Showeffekt kalkulierter Bau darunter, der neben dem Namen des Bauherrn auch jenen des Büros und seines Gründers über Fachkreise hinaus allgemein bekannt gemacht hätte; es findet sich auch kein Hochhaus im Werkverzeichnis. Der Lohn für die vermeintliche Selbstbeschränkung ist ein Werk von bemerkenswerter Geschlossenheit. Wer sich mit einem LRO-Bau intensiver beschäftigt hat, wird andere Entwürfe des Büros mit hoher Wahrscheinlichkeit als solche erkennen - etwa an ihren Fassaden, denen Arkaden, Bullaugen, Torbögen, überhaupt Rundungen im Stil Erich Mendelsohns eine stimmige, zugleich elegante und robuste Plastizität geben. Glas setzte Lederer dagegen nie großflächig ein, er beharrte auf der klaren Grenzziehung zwischen Innen und Außen. Eine klare Definition des öffentlichen Raums war für ihn die Basis gelingenden städtischen Lebens. Weil sie ihre Nutzer für sich einnehmen, möchte man darauf wetten, dass Lederers Bauten eine besonders lange Lebensdauer beschieden sein wird. Damit würde sich sein Verständnis von Nachhaltigkeit erfüllen, das er gegen die Moden der jeweils neuesten Haustechnik verteidigte, deren Energieeinsparungsversprechen sich auf lange Sicht nie halten lassen.

          Wer den Bogen raushat: Das neue Münchner Volkstheater in der Isarvorstadt schlägt eine Brücke zur Vergangenheit des Areals als Viehhof.
          Wer den Bogen raushat: Das neue Münchner Volkstheater in der Isarvorstadt schlägt eine Brücke zur Vergangenheit des Areals als Viehhof. : Bild: Roland Halbe

          Besonderen Anteil nahm Lederer am Schicksal seiner Heimatstadt. Freundlich im Ton, aber hart in der Sache engagierte er sich in führender Position in der Initiative Aufbruch Stuttgart, die sich für eine Verbesserung des Stadtbilds einsetzte. In jüngster Zeit sprach Lederer jedoch zunehmend resigniert über die Verhältnisse in der Stadt und wollte seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin verlagern, wohin seine vier Söhne gezogen waren, unter ihnen auch ein Architekt, mit dem die Eltern in einem neu gegründeten Büro zusammengearbeitet haben.

          Es hätte Berlin gutgetan, wenn der vielleicht beste Architekt des Landes noch ein paar Jahre in der Stadt gewirkt hätte. Am 21. Januar ist Lederer nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren in seiner Heimatstadt gestorben. Sein Buch “Drinnen ist anders als draußen - Architektur lesen“, das dieser Tage erscheint, ist zum Vermächtnis geworden.

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