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Der Fotograf Tobias Zielony : Früher sagte man No Future

Geschminkt auf dem Balkon – aus der Serie Maskirovka, 2017 Bild: Courtesy KOW, Berlin

Tobias Zielony fotografiert junge Menschen, die in prekären Verhältnissen leben – und macht daraus Kunst. Eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang.

          5 Min.

          Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, mit wie viel Ehrfurcht, Hoffnung und Optimismus die Menschen am nördlichen Stadtrand von Neapel den Bau der Siedlung „Vele di Scampia“ verfolgt haben, sieben riesige Gebäude, die zwischen 1962 und 1975 errichtet wurden, darunter ein Haus, das aussah wie ein Segel und womöglich Symbol sein sollte für eine Reise in eine moderne Zukunft mit einer bewährten Lebensordnung. Denn der Leitgedanke der Architektur war es, durch viele gemeinsame Außenräume, den Geist der lauten, überfüllten, aber stets fröhlichen Gassen und Innenhöfe Neapels aufleben zu lassen und die Zehntausenden Bewohner der Betonblocks zu einer Gemeinschaft zu verschweißen. Doch der Entwurf ging nicht auf. Die kleinen Wohnungen wurden fast augenblicklich illegal besetzt. Die Camorra übernahm das Sagen im Quartier und machte es zum Drogenumschlagplatz. Am Ende wich die Utopie dem blanken Elend, sodass nach einem Beschluss des Stadtrats von Ende der Neunzigerjahre an ein Gebäude nach dem anderen abgerissen wurde.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Als Tobias Zielony 2009 den Ort besuchte, standen noch vier der Häuser, schienen allerdings kaum noch bewohnt. Mit dem Fotoapparat zielte er bei Nacht auf Dutzende kaputter Waschmaschinen im Hof, tastete sich an Wasserschäden entlang, schaute durch zerborstene Fenster in leere Räume, an deren Wänden Bilder von nackten Damen und der Fußballmannschaft Neapels hingen, und folgte den labyrinthischen Brücken und Treppenaufgängen immer tiefer in eine gespenstisch grausame Welt, die mehr mit einem zerstörten Gefängnisblock zu tun hatte als mit den hehren Absichten des sozialen Wohnungsbaus. Und dann tauchen in dieser Vorhölle plötzlich doch ein paar Menschen auf. Eine Gang von Jugendlichen, die Zielony aus der Distanz beobachtet und deren Anführer vermutlich der mit dem Gucci-Hütchen ist. Siebentausend Aufnahmen machte Zielony während dieser nächtlichen Exkursion – und fügte sie später zu einem neunminütigen Film zusammen, der in seinem Wackeln, seiner Unschärfe und den schrägen Perspektiven keinen Zweifel daran lässt, dass den Menschen hier der Boden unter den Füßen fortgerissen wurde.

          Nachts in der Vorhölle

          Der Film ist eine von elf Videoarbeiten, die im Essener Museum Folkwang in vierzehn unterschiedlich bespielten Räumen die bisher umfangreichste, vielgestaltige Retrospektive des Fotokünstlers begleiten. Er ist zugleich die ideale Einführung in sein Werk. Denn Besuche in der Vorhölle sind Tobias Zielonys Metier – von trostlosen Arbeitervierteln in Wales über triste Plattenbausiedlungen in der Ukraine bis zu einem verlorenen Kaff in der Wüste Kaliforniens, dessen Bewohner sich aus purer Langeweile, so erfährt man, wechselseitig die armseligen Holzhäuschen zerstören. Andere Orte sind weniger exotisch, liegen etwa im Ruhrgebiet oder in den neuen Bundesländern, doch die Geschichten nehmen stets den gleichen Weg: vom Erfolg durch Industrie zur Trostlosigkeit nach Schließung der Werke, von der Vollbeschäftigung am Ort zu Rekorden in der Arbeitslosenstatistik.

          Treffen an der Tanke: Aral-1, 2004
          Treffen an der Tanke: Aral-1, 2004 : Bild: Courtesy KOW, Berlin

          Tobias Zielony geht stets gleich vor: Er schaut sich um, nimmt Kontakt auf vor allem zum jugendlichen Teil der Bevölkerung und begleitet die Teenager dann für eine Weile bei ihrer liebsten und mitunter einzig verbliebenen Beschäftigung, dem Abhängen. Von Hoffnung und Optimismus ist da wenig zu erkennen, und man nimmt auch kein Schimmern einer Utopie am Horizont wahr. Keine unerhebliche Rolle spielen indes Drogen und Alkohol. Und zur Prostitution ist es oft nicht weit. Was aber keineswegs heißt, dass es sich an diesen Orten um ein Leben ohne Regeln handelte; im Gegenteil. Das Verhalten scheint in manchen Gruppen regelrecht ritualisiert, wobei sich die Muster, wie Tobias Zielony (Jahrgang 1973) im Laufe seiner Karriere festgestellt hat, immer mehr gleichen und sich die Verlorenheit einer Generation, die Ungewissheit, ob die Welt noch irgendetwas für sie bereithält, als globales Phänomen erweist.

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