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Ausstellungen „Artentreffen“ : Jedes Tier ist eine Künstlerin

Luxus aus Tierhaut: Reptilienlederhandtaschen im Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main
Luxus aus Tierhaut: Reptilienlederhandtaschen im Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main : Bild: Laura Brichta / Deutschen Ledermuseum Offenbach am Main

Zu den faszinierendsten Ausstellungsstücken gehören „Naturantypien“ von Maximilian Prüfer. Der Künstler hält in seiner Serie „Ich möchte sehen, was du riechst“ mit einem an die Cyanotypie angelehnten Verfahren die Laufwege von Ameisen um Kekse herum fest. Die dabei entstehenden Visualisierungen auf der Grenze zwischen Spur und Zeichen wecken Assoziationen an himmlische Konstellationen.

Wenn Nerzpelze schnurren

Anderen geht es darum, Blickkontakt herzustellen. Auf den monumentalen Orang-Utan-Porträts, die Gabriele Muschel nach Fotografien, die sie auf Borneo in der Forschungsstation von Biruté Galdikas aufgenommen hat, fertigt, werden Affen zu Individuen. Kühe in ihrem erstaunlichen Formen- und Artenreichtum hingegen treten einem in Ursula Böhmers Fotos aus den zurückliegenden zwanzig Jahren entgegen, wahlweise en face oder im Nahblick als Fell- und Körperlandschaften.

Das große digitale Krabbeln: „Homo Insectus“ von Laurent Mignonneau  und Christa Sommerer
Das große digitale Krabbeln: „Homo Insectus“ von Laurent Mignonneau und Christa Sommerer : Bild: Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Die Exponate der vorsichtig fragenden Ausstellung „Tierisch schön?“ im Deutschen Ledermuseum Offenbach können als nützliche Materialisierungen solcher ästhetischen Verfremdungstaktiken interpretiert werden. Eine südamerikanische Krokodillederhandtasche mit eingearbeitetem Reptilienkopf und Kopfschmuck mit Raubtierfellen aus Afrika sprechen von dem tiefsitzenden Verlangen, der Kraft und Schönheit anderer Lebewesen habhaft zu werden, indem man Accessoires aus Haut, Haaren, Knochen trägt. Kult und Luxus, zeigt die Auswahl der Objekte, liegen eben eng beieinander. Die unheimliche Rückverwandlung in etwas scheinbar Atmendes geschieht dann in Eva Ruhlands Installation „Alchemilla“ (2017). Nerzpelze werden elektrisch zum Schnurren gebracht, sacht scheint das Tier, dem das Fell über die Ohren gezogen wurde, sich wieder zu regen.

Umzingelt von Nacktschnecken

Das Lebewesen statt den Rohstoff sehen: Solche Wahrnehmungswechsel führten dazu, dass heute vielfach verpönt ist, was einst begehrt war. Können wir auch „Schädlinge“, „Geschmeiß“ und „Getier“ schätzen lernen? Das ergründet „Alles im Wunderland“ im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden. Einen Gärtner-Albtraum inszeniert dort, ebenso wie in Rüsselsheim, Dominika Bednarsky. Die Studentin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lässt in ihrer Arbeit „Snails“ eine Armee vielfarbig glasierter Nacktschnecken aus Ton über den Boden kriechen, eine humorvolle Barrikade für die Abscheu. Diese wiederum mag sich bei dem einen oder anderen Bahn brechen angesichts riesenhafter Kohlschnaken – übrigens keine Blut-, sondern Pflanzensaftsauger – aus Japanpapier und Draht, die Lili Fischer auf Wänden sitzen und von der Decke hängen lässt.

Auf die hochauflösende oder sogar monumentale Vergrößerung von Insekten als probaten Trick, eingesetzt um Affekte zu provozieren, aber auch Interesse zu wecken, greift eine ganze Reihe von Arbeiten der Ausstellung zurück. Spannender wird es, wenn Kolonialgeschichte sich aus den Bohrlöchern von Holzwürmern lesen lässt. Der Neuseeländer Zac Langdon-Pole stellt in „Punctatum“ Möbelstücke aus Familienbesitz vor, die von den Larven eines – wie seine Vorfahren – aus Europa eingewanderten Käfers befallen waren. Dessen Fraßspuren hat der Künstler mit reinem Gold veredelt. Kann aus Schäden und Versehrungen Wertvolles entstehen?

Die Kreatur begegnet einem in Wiesbaden als apokalyptisch-niedliche Mahnerin (eine animierte Maus von Ryan Gander), als Bausatz für die Trickfilmwerkstatt (1912 so eingesetzt von Wladyslaw Starewicz), als beinahe göttliches Wesen (wie die Kraken in Monira Al Qadiris Videoinstallation „Divine Memory“). Im digitalen Spiegel von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau schließlich treten wir uns selbst entgegen, unsere Umrisslinien von wimmelnden Ameisen nachgezeichnet, als „Homo insectus“. Und es offenbart sich das Drama in all der Kunst: Am Ende, wir können nicht anders, sehen wir im Tier doch immer nur uns selbst.

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