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Theaterfotografin Ruth Walz : Gesichter aus der Tiefe der Zeit

Auch elf Jahre später, in den Aufnahmen zu Luc Bondys Inszenierung von Strauß’ „Die Zeit und das Zimmer“, ist das Publikum anwesend, selbst da, wo es nicht sichtbar wird. Es drückt sich im Blick der Fotografin aus, die auch als Profi Zuschauerin bleibt. Weil ihr Staunen über die Wunder der Bühne nie aufhört, springt es mühelos auf den Betrachter über. Seit dem Ende ih­rer Berliner Festanstellung 1990 hat Ruth Walz in London, Paris. Amsterdam, Wien, München und Salzburg Bühnenbilder von Bill Viola, Anish Kapoor, William Kent­ridge und anderen be­rühmten Künstlern aufgenommen, aber ihr Blick ist dabei nicht zum Conaisseursblick geworden. Ihr Auge wirft sich dem Schauspiel nicht an den Hals, sondern umwirbt es aus der Distanz. So hört die Liebe niemals auf.

Eine Annäherung an das Unfassbare

Sein Ziel erreicht der werbende Blick in der Großaufnahme. Eine ganze Serie von Fotos dokumentiert in der Ausstellung den Augenblick, in dem Edith Clever in Peter Steins Inszenierung der Orestie des Aischylos mit den Leichen von Agamemnon und Kassandra auf die Bühne tritt. Im Katalog erklärt der amerikanische Regisseur Peter Sellars im Gespräch mir Martin Walz, dem Sohn der Fotografin, die Kamera von Ruth Walz treffe immer genau den richtigen Mo­ment einer Aufführung. In der Clever-Serie kann man sehen, dass dieser Moment aus vielen Augenblicken besteht. Die Fotografie ist immer nur Annäherung an das Un­fass­ba­re, das zwischen den Bildern liegt.

Die Sympathien der Fotografin sind klar verteilt. Neben Clever, der Strahlenden, be­herrscht die schimmernde Jutta Lampe die Auswahl, dazu Otto Sander, Udo Samel, Libgart Schwarz, Corinna Kirchhoff, Thomas Holtzmann, Gert Voss, Peter Fitz, Hans-Michael Rehberg, die großen Theaterköpfe ihrer Zeit. Aber auch Jessye Norman, Erland Josephson, Michel Piccoli und Asmik Grigorian be­kommen ihren Auftritt. Und, als Einziger der Regisseure, Peter Stein, mit Stoffbahnen gefesselt in einer Kostümprobe zu „Agamemnon“.

Der letzte Akt der Ausstellung gehört Bruno Ganz. Mit ihm, der die Schaubühne für das Kino verließ, aber das Theater nie ganz aufgab, hat Ruth Walz jahrzehntelang zusammengelebt. In ihren Porträts lässt sie die Arbeitssituation am Bühnenrand hinter sich, ohne ihre szenische Intuition abzulegen. In einer Aufnahme, die Ganz mit Bo­tho Strauß in einem Restaurant in Subiaco zeigt, fällt das Sonnenlicht von schräg hinten auf sein Gesicht, sodass es aufleuchtet wie in ei­nem Gemälde von George de la Tour. Man könnte sich das Foto gut als Stillleben in einem Theaterstück von Strauß vorstellen, inszeniert von Peter Stein.

Das Wort Lebenswerk kommt einem bei manchen Reportagefotografen übertrieben vor. Hier ist es am Platz. Denn Ruth Walz hat dem Theater nicht nur ihr Leben ge­widmet, sie hat ihm auch ein zweites Leben in ihren Bildern geschenkt. Man verlässt die Ausstellung mit dem Gefühl, in die Tiefe der Zeit geblickt zu haben. Das alles kommt nicht wieder. Aber hier tritt es noch einmal auf.

Ruth Walz: Theaterfotografie. Im Museum für Fotografie, Berlin; bis zum 13. Februar 2022. Der Katalog kostet 54 Euro.

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