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Kunstausstellung in Kassel : Monumenta statt Documenta

Anfänge einer Gegenwelt: Die Künstlergruppe Ciudad Aperta baut ein Pavillondorf. Bild: Mathias Voelzke

Die Documenta 14 will mit Bauten und Aktionen im Außenraum die Stadt und das Leben umformen. Gelingt das?

          6 Min.

          In den Straßen am Kassler Königsplatz sieht es auf den ersten Blick aus wie in einer ganz normalen deutschen Stadt: Nachkriegshäuser und Buttercremetortenwohlstandscafés aus den fünfziger Jahren, eine Trambahn, ein Saturn-Markt, dahinter ziehen ein paar heitere Wolken hinter den Doppeltürmen der Martinskirche vorbei. Doch je genauer man hinschaut, desto surrealer wirkt alles: Ein Laden für Sporternährung heißt „Body Attack“, auf dem Werbeschild eines Friseurs sind im Wort „Friseur“ die Buchstaben IS, warum auch 3immer, rot eingefärbt, eine Schmiererei will „Merkel weg“ haben – die Worte in der Stadt schreiben einen eigenartigen, surrealen Angsttext. Seit kurzem steht dazu mitten auf dem Königsplatz ein 16 Meter hoher Obelisk aus Beton mit einer arabischen Inschrift. Ein Mann steht vor den Schriftzeichen, tritt ratlos zurück, geht einmal um den Obelisken herum und kommt zufrieden nickend wieder hervor - auf den anderen Seiten steht die Botschaft auch auf türkisch, englisch und deutsch: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt“, ein Zitat aus der Heilsbotschaft nach Matthäus, das zentrale christliche Bekenntnis zur Gastfreundschaft. Der Obelisk ist ein Kunstwerk des aus Nigeria stammenden, seit langer Zeit in den Vereinigten Staaten lebenden Künstlers Olu Oguibe, der den Obelisken als Form auch deswegen ausgewählt hat, weil es erst die Römer, dann andere europäische Kolonisatoren waren, die in Nordafrika – der Heimat Christi – die Obelisken abräumten und das Zeichen aus der Fremde in Rom oder Paris als Zeichen ihrer Weltherrschaft aufstellten.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Das unübersehbare Beton-Ausrufezeichen für die Gastfreundschaft zeigt auch schon sehr deutlich, wie via Kunstwerk bei dieser Documenta politische Themen gewissermaßen mit der symbolbildnerischen Dampframme in den öffentlichen Raum hineingedonnert werden. Wer sich Sorgen machte, dass, nachdem die Documenta zum ersten Mal in ihrer Geschichte zunächst in Athen eröffnete (F.A.Z. vom 8. April) und Kassel nur die zweite Station wird, dort kaum etwas zu sehen sein würde, kann beruhigt werden: Den zweiten Teil der Documenta könnte man nach allem, was in der Stadt an Kunst in den öffentlichen Raum gestellt wird, auch Monumenta nennen. Überall stehen riesenhafte Skulpturen herum – hier ein Betonobelisk, dort die Türme der Torwache, in denen einst die Brüder Grimm wohnten und die jetzt selbst wie verzaubert dastehen, weil der 1987 in Ghana geborene Ibrahim Mahama ihnen einen gigantischen Mantel aus Kaffeesäcken über den Kopf gezogen hat - jetzt sehen sie nicht mehr wie Gebäude, sondern wie fremde Felsen aus (die Säcke sollen laut Documenta-Führer als Symbol der Globalisierung gelesen werden, da sie in China hergestellt, in Ghana befüllt und dann weltweit exportiert werden).

          Zeichen gegen Zensur : Tempel der verbotenen Bücher auf der Documenta

          Vor der Documentahalle sieht man einen großen Stapel Abwasserrohre, die der aus dem Irak geflohene Hiwa K. mit Studenten in Minimalbehausungen umbaut, was einerseits an das Überleben während der Flucht, andererseits an die Frage nach dem absoluten Minimum an Privatraum thematisieren soll, gegenüber die Rekonstruktion des „Parthenons der Bücher“, den die argentinische Künstlerin Marta Minujín 1983 in Buenos Aires aus Baugerüsten errichtete und Büchern behängte, die während der Militärdiktatur verboten waren. Das vermutlich größte Documenta-Werk seit langem steht vor dem klassizistischen Fridericianum und lässt dieses wie eine käsige Kopie griechischer Pracht aussehen: der berühmteste griechische Tempel steht dort nun als Gerippe, was man als Kritik an der Austeritätspolitik lesen kann, Säulen und Giebel sind wie in Buenos Aires mit Büchern behängt, die irgendwo auf der Welt einmal verboten waren, was die Documentamacher als Kritik an der wachsenden Einschränkung der Meinungsfreiheit verstehen wissen wollen. Jenseits solcher inhaltlichen Aufladungen ist der monumentale Tempel mit seinen schimmernden, weil in Plastik eingeschweißten Büchern formal beeindruckend, der Bau sieht gleichzeitig riesig aus und so leicht, als ob er sich gerade erst manifestiert, als sei er noch nicht ganz da, noch halb Fata Morgana: Ein Gespenst mit einem Paillettenkleid aus verbotenen Gedanken.

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