https://www.faz.net/-gsa-92pvy

Defizit bei der Documenta : Zwist im Aufsichtsrat

  • -Aktualisiert am

Das Kunstwerk „The Parthenon of Books“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín wird in Kassel abgebaut. Bild: dpa

Die Documenta endete mit einem Millionendefizit. Seitdem sind die Stadt Kassel und das Land Hessen nur wenig um eine Lösung bemüht. Doch jetzt macht ein einflussreicher Aufsichtsrat Druck.

          4 Min.

          Nach Bekanntwerden des Millionendefizits steckt die Documenta in der Krise – wobei das Bemerkenswerte an dieser Krise ist, dass die beiden Gesellschafter, die Stadt Kassel und das Land Hessen, wenig um deren Lösung bemüht scheinen, sondern sie durch Aussitzen noch vertiefen. So sahen sie schweigend zu, wie sich infolge selektiv an die „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) gespielter Details aus dem ersten Zwischenbericht der Wirtschaftsprüfer Schatten von Verdächtigungen und Spekulationen über Geschäftsführerin Annette Kulenkampff und Kurator Adam Szymczyk legten.

          Bis sich Kulenkampff gezwungen sah, das von der Stadt verhängte Schweigegebot zu brechen und in dieser Zeitung nachzuholen, was der Aufsichtsratsvorsitzende, Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), und sein Stellvertreter, Kunstminister Boris Rhein (CDU), auf der Pressekonferenz vom 21. September umgangen hatten: nämlich anhand konkreter Zahlen zu erläutern, was im Zwischenbericht steht, und damit nachvollziehbar zu machen, wie es zum 5,4-Millionen-Defizit kam (F.A.Z. vom 2. Oktober).

          Bundeskulturstiftung fordert Konsequenzen

          Der Graben des Misstrauens verläuft aber nicht nur zwischen Geschäftsführung und Gesellschaftern. Auch innerhalb des Aufsichtsrates regt sich die Sorge, die weltweit bedeutendste Kunstausstellung könnte unter einem ehrgeizigen neuen Bürgermeister – der qua Amt Aufsichtsratsvorsitzender ist – ihre Unabhängigkeit und ihren experimentellen Charakter verlieren, denen sie ihre herausragende Bedeutung verdankt.

          Jetzt hat die Bundeskulturstiftung, die für den Bund als drittgrößter Geldgeber im Aufsichtsrat sitzt, im Gespräch mit dieser Zeitung dazu aufgefordert, die Documenta gGmbH wieder handlungsfähig zu machen: „Der Aufsichtsrat hat jetzt die Aufgabe, aus den Informationen, die auf dem Tisch liegen, die politischen Konsequenzen zu ziehen, das heißt, die Geschäftsführung anständig auszustatten und die documenta 15 vorzubereiten“, erklärt Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz.

          Vor allem müsse man „von dem Ehrgeiz abrücken, die eine Person zu identifizieren, die schuld ist“. Farenholtz begann selbst seine Karriere als Geschäftsführer der Documenta von 1989 bis 1993. Er sieht im Fehlbetrag kein individuelles, sondern ein Organisationsversagen. „Die Organisationsform der Documenta hat sich nicht verändert, seit ich dort war, und das ist dreißig Jahre her. Jetzt muss man die Konsequenzen ziehen und die Gesellschaft in die Lage versetzen, sich zeitgemäß aufstellen zu können.“

          Es wird eng bis zur neuen Documenta

          Auch die künstlerische Leiterin der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers warnt davor, dass sich die kommende Documenta verschieben könne, wenn die Geschäftsführung nicht bald wieder handlungsfähig gemacht werde. Immer nach Abschluss einer Documenta wird eine Findungskommission aus internationalen Experten eingesetzt, um im Herbst des Folgejahres den nächsten künstlerischen Leiter zu präsentieren. Momentan wird dafür nicht nur die Zeit eng – es schrumpft womöglich auch die Auswahl interessanter Kandidaten, die bereit wären, den Job zu machen, der traditionell wenig Dankbarkeit einbringt. Wie groß das Risiko einer Budgetplanung ist, die zu einem Großteil von der Erfüllung der Besucherprognosen abhängt, wurde nun klar.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Rain Man: Robert Habeck gibt im Wahlkampf alles

          Fraktur : Und ewig währt das Kämpfen

          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.