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Documenta-Geschäftsführerin : Jeder Cent ist nachvollziehbar

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Würden Sie die Erklärung des kuratorischen Teams unterschreiben, dass das Wertschöpfungssystem von Großausstellungen auf den Prüfstand gehört?

Zumindest sollte man es mal fair bewerten. Konservativ geschätzt geben die Besucher der Documenta in 100 Tagen rund 200 Millionen Euro in Kassel und der Region aus. Auch der Flughafen Kassel hat von den Sonderflügen zwischen Athen und Kassel profitiert, ich bin sicher, das bedeutet für die Gesellschafter, die ebenfalls Stadt und Land sind, eine gewisse Reduzierung ihres Defizits, was den Flughafen betrifft. Also, es gibt diese enorme wirtschaftliche Wertschöpfung, und es gibt eine kulturelle.

Kann man das Defizit damit rechtfertigen?

Nein, das sind zwei verschiedene Dinge. Wir haben ein Budget überzogen aufgrund von Umständen, die wir vorher nicht kannten und die wir auch nicht hätten beeinflussen können. Das ist schlimm, das hätte nicht passieren sollen, und die Verantwortung dafür müssen wir tragen. Aber es macht Sinn, sich zu überlegen, ob man die Documenta finanziell einfach anders ausstatten muss – diese Wette auf die Zukunft ist ein hohes Risiko und kein tragfähiges Modell.

In der HNA wurde es so dargestellt, dass Szymczyk, als Mehrkosten für das Athener Museum für Gegenwartskunst (EMST) nötig wurden, mit Rücktritt gedroht hat. Ist etwas ähnliches passiert?

Die Gefahr, dass jemand den Bettel hinschmeißt, ist immer da. Es ist immer ein Ringen. Das EMST war für Adam Szymczyk entscheidend und zwingend. Und die documenta 14 hätte ohne das EMST auch nicht funktioniert.

Sehen Sie sich in so einem Fall als Anwalt des künstlerischen Leiters oder als Gegner und Anwalt der künftigen Documenta-Ausstellungen?

Beides. Man ist dafür verantwortlich, dass die künstlerischen Vorstellungen in der bestmöglichen Weise und innerhalb der finanziellen Möglichkeiten realisiert werden.

Haben Sie sich von Adam Szymczyk unter Druck setzen lassen?

Man gerät immer mal unter Druck, wenn es heißt, jetzt müssen wir aber das realisieren, sonst funktioniert das große Ganze nicht. Die Documenta ist gewaltig und es gibt viele verschiedene Interessen: Sie haben es eben nicht nur mit einem oder zwei Künstlern zu tun, sondern mit über 160, und mit über 10 Kuratoren.

Haben Sie einen konkreten Verdacht, wer im Aufsichtsrat die Informationen weitergeleitet hat?

Nein.

Können Sie sich erklären, welches politische Interesse dahinter steht?

Es war schwierig, dass im Endspurt der Aufsichtsratsvorsitzende wechselte und jemand in eine neue Rolle kam, der nicht wissen konnte, was alles vorher passiert ist. Dazu kam, dass wir kurz vor der Bundestagswahl standen.

Kann die Documenta in ihrer jetzigen Struktur bestehen?

Die Struktur, in der wir hier arbeiten, hat sich in dreißig Jahren nicht verändert. Es hat sich auch nicht die Anzahl der Mitarbeiter in der Verwaltung verändert, obwohl inzwischen das documenta Archiv hinzugekommen ist und der Umfang der Documenta sich in den letzten 30 Jahren enorm vervielfacht hat. Es gefährdet die Documenta, wenn sie aufgrund ihrer Organisationsstruktur zu einem politischen Spielball werden kann. Ich kann mir vorstellen, dass man auch über andere Rechts- oder Organisationsformen der Gesellschaft nachdenken muss.

Was schwebt Ihnen da vor?

Es wurde ja darüber gesprochen, ob der Bund auch in einer anderen Form mit in die Verantwortung tritt.

Kann der Aufsichtsrat in seiner jetzigen Zusammensetzung bestehen?

Es wäre hilfreich, wenn der Aufsichtsrat neben den Politikern mehr mit Menschen aus der Kunst besetzt wäre, damit die Herausforderungen der Organisation einer solchen Ausstellung stärker von Fachleuten begleitet wird.

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