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Documenta in Kassel : Alle werden eingemeindet

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„Das Parlament lag in Trümmern. Das wahre Parlament kam auf der Straße zusammen, als Versammlung der nicht-repräsentierten Körper ohne Papiere, die sich Sparmaßnahmen und fremdenfeindlicher Politik widersetzten.“ Von kontroverser Debatte ist dieses Parlament der Körper allerdings weit entfernt, alle Beteiligten scheinen ihren Auftrag bereits zu kennen: „Das Parlament ist ein kritischer Apparat, der sowohl die Ruinen der demokratischen Institutionen als auch die traditionellen Formate von Ausstellungen und öffentlichen Programmen queeren wird.“ Sechs „Offene-Form-Gesellschaften“ beschäftigen sich seit einem Jahr in Athen und Kassel damit, eine „kritische queere Genealogie des Südens“ zu schreiben, oder suchen nach Möglichkeiten, „die Todestechnologien kapitalistischer Kolonialgeschichte zu verstehen“. Man orientiert sich dabei am Modell offener Gesellschaften im Frankreich des 18. und 19.Jahrhunderts, die sich der Abschaffung der Sklaverei widmeten und als „gegenkulturelles öffentliches Programm“, als „Alternative zum Kolonialregime“ fungierten.

Die Schuldigen stehen immer bereits fest

Das Parlament der Körper und seine regierende „antifaschistische, transfeministische und antirassistische Koalition“ wird dem Besucher in Kassel wahrscheinlich nicht weiter auffallen, aber es erfüllt einen wichtigen Zweck: die Ausstellung und ihre Macher auf die richtige Seite der Geschichte zu setzen. Die abgrundtiefe Sehnsucht der Documenta14, moralisch richtigzuliegen, ist ihre größte Schwäche. Sie machte schon in Athen aus Kunstwerken Dokumente des internationalen Befreiungskampfes, angeführt von furchtlosen Kuratoren, die eben aus dem transfeministischen Teach-in gestolpert sind.

Aber die Documenta in Kassel hat auch ihre Stärken. Manchmal wird hier etwas greifbar, ein Zusammenhang, ein interessanter Blick. Die Neue Galerie zeigt die höchste Konzentration von Werken, sie ist der dichteste Ausstellungsort von insgesamt fünfunddreißig, der „Erinnerungsort“. Erstaunliche Verbindungslinien zwischen Kassel und Athen werden hier deutlich, die Griechenlandbegeisterung der Deutschen, die auch den Documenta-Gründer Arnold Bode erfasste, den zeichnenden Bundespräsidenten Theodor Heuss und Louis Gurlitt. Der malte im 19. Jahrhundert Ansichten des Parthenons und ist der Großvater von Hildebrandt Gurlitt, dem Kunsthändler der Nazis, dessen Erbe wiederum Cornelius Gurlitt ist. Dessen skandalumwitterte Sammlung wollte die Documenta eigentlich in Kassel zeigen, was ihr aber nicht erlaubt wurde. Stattdessen hat die Künstlerin Maria Eichhorn ein Projekt ins Leben gerufen, das helfen soll, enteigneten jüdischen Besitz aufzuspüren. Überhaupt spielen Restitution und das Benennen von erlittenem Unrecht eine große Rolle, zu allen Zeiten und in praktisch allen Gegenden der Welt. Die Schuldigen stehen dabei immer bereits fest: die Nazis und ihre Helfer, die rassistischen, kolonisierenden Europäer, der versagende deutsche Staat im NSU-Skandal, die skandinavischen Staaten, die die Sámi schlecht behandeln, die ungreifbaren Autoritäten, die Bücher verbieten (der Bücher-Parthenon auf dem Friedrichsplatz ist das Symbol der Schau) und so weiter.

„Realistischer als das, was wir heute sehen“

Kunst als Gerechtigkeitsmaschine. Wer wissen möchte, was heute so in der Gegenwartskunst passiert, was die neuen Formen der Wahrnehmung sind oder sein könnten, der ist hier falsch. Diese Fragen werden nicht mehr auf der Documenta verhandelt, sondern auf manchen Biennalen und in Museumsausstellungen, die einen weniger riesigen moralischen Auftrag vor sich hertragen. Das vielzitierte Superkunstjahr 2017 ist das Krisenjahr der Großausstellung geworden. Auf der Website der Kunstzeitschrift „Frieze“ schrieb die Kunsthistorikerin Susanne von Falkenhausen kürzlich über den politischen Legitimationszwang der Großausstellungen. Bezugspunkt sind die anderen, ist das Jenseits des vornehmlich westlich-weißen, ökonomisch gesicherten Bürgertums, dem auch die Kuratoren entstammen und die allermeisten Besucher.

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