https://www.faz.net/-gsa-ae4gs

Serie „Spur der Steine“ : Eine Stadt, auf Obsidian gebaut

Blick über die Ruinenstadt Teotihuacán in Mexiko: rechts die Sonnenpyramide. Zentrum der Anlage ist eine zwei Kilometer lange Zeremonialstraße, die die Pyramide des Mondes und die der Sonne verbindet. Bild: dpa

Ausgedehnt: Das rätselhafte Teotihuacán im zentralen Hochland von Mexiko war nicht nur ein magischer Ort, sondern mit seinen 2000 Mehrfamilienhäusern auch eine wohnliche Metropole.

          5 Min.

          Teotl bedeutet „Gott“ in der Sprache der Azteken – ein merkwürdiger linguistischer Zufall, denn irgendeine Verwandtschaft mit dem Wort hinter „Theologie“ oder „Theodizee“ besteht nicht. Teotihuacán wird oft gedeutet als „Ort, an dem die Götter geboren wurden“. Nach dem aztekischen Schöpfungsmythos beendeten aber zumindest zwei von ihnen hier ihr Dasein: Sie opferten sich, um die Sonne in Bewegung zu setzen und so das aktuelle fünfte Zeitalter beginnen zu lassen.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wo sonst hätte sich Derartiges zutragen können? Teotihuacán ist magisch, auch heute noch. Vierzig Kilometer nordöstlich des Beton- und Asphaltdschungels von Mexiko-Stadt erstreckt sich die Stätte über eine hügelumstandene Agrarlandschaft. Zwei enorme Pyramiden lenken alle ersten Blicke der Besucher auf sich. Die „Pyramide des Mondes“, Fluchtpunkt einer megalomanen, am Sonnenlauf ausgerichteten Avenue, ist mit 43 Meter Höhe fast so groß, wie es die beiden Haupttempel in Tenochtitlán gewesen waren, der heute unter dem Stadtzentrum von Mexico-Stadt verschwundenen Hauptstadt des Aztekenreiches. Die „Pyramide der Sonne“ wiederum hat gar die Grundfläche, wenn auch nur die halbe Höhe der Cheopspyramide.

          Die anderen Wunder von Teotihuacán offenbaren freilich erst der zweite und der dritte Blick: Steingefasste Plattformen sonder Zahl sowie Grundmauern von Palästen und mehr als zweitausend Mehrfamilienhäusern etwas einfacherer Ausstattung, die gleichwohl noch heute in den meisten Weltgegenden als großzügig bis luxuriös gelten würden. Diese Stadt muss unermesslich reich gewesen sein, aber nicht in dem Sinne, wie Rom es war oder London heute ist. Vielmehr bot sie Urbanität ohne Enge. Ihre 130 000 Einwohner – eine für vorindus­trielle Städte enorme Zahl – verteilten sich auf mehr als zwanzig Quadratkilometer bebaute Fläche. Damit ist Teotihuacán die räumlich größte Stadt des präkolumbischen Amerikas. In Tenochtitlán dagegen drängten sich doppelt so viele Menschen auf kaum dem halben Raum – dabei war bereits die Aztekenmetropole bis zur Eroberung durch die Spanier vor fünfhundert Jahren die mit Abstand wohnlichste Stadt des Planeten gewesen. Das war aber kaum der Grund, warum schon die Azteken Tenochtilán bewunderten.

          Überreste von Geopferten

          Denn nein, diese Stadt wurde nicht von den Azteken erbaut oder auch nur bewohnt. Auch nicht von den Tolteken, wie die Archäologen zunächst glaubten. Das waren Angehörige einer anderen bedeutenden mesoamerikanischen Kultur, die im zehnten bis zwölften Jahrhundert blühte und ihr Zentrum etwas weiter nördlich hatte. Tatsächlich ist Teotihuacán noch einmal tausend Jahre älter. Die drei großen Pyramiden – neben der der Sonne und des Mondes gibt es noch die reich verzierte „Pyramide der gefiederten Schlange“ – wurden im späten zweiten Jahrhundert nach Christus errichtet, und um 550 nach Christus herum, mehr als achthundert Jahre bevor die Azteken überhaupt historisch greifbar werden, ging Teotihuacán plötzlich unter. Die mit Stuck und farbenfrohen Fresken überzogenen Gebäude im Zentrum gingen in Flammen auf, vielleicht auch die Tempel oben auf den Pyramiden, Götterbilder wurden zerschlagen. Wenn es eine Revolution war, dann verbesserte auch diese nicht die Lage der Menschen. Die Einwohnerzahl sank drastisch.

          Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, in der Ruinenstadt Teotihuacán
          Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, in der Ruinenstadt Teotihuacán : Bild: ddp

          Aber niemand weiß wirklich, was damals passiert ist. Wie auch sonst wenig bekannt ist über den Staat hinter der Stadt. Wie alle altamerikanischen Kulturen mit Ausnahme der Maya benutzten die Teotihuacanos keine entwickelte Schrift. Es fanden sich nur schwer deutbare Glyphen, die wohl aber eher Embleme gewesen sein dürften, als dass sie Sprache kodierten. Auch bildliche Chroniken gibt es keine. Wir wissen nichts über ihr Regierungssystem, auch wenn die mexikanische Archäologin Linda Manzanilla Hinweise darauf gefunden hat, dass die Stadt zumindest zeitweise von einem Kollegium aus vier Herrschern regiert worden sein könnte, von denen jeder einem Stadtviertel vorstand. Es gibt zwar herrschaftliche Anwesen wie den teilrekonstruierten zauberhaften „Palast des Quetzalpapálotl“ (eines Mischwesens aus Vogel und Schmetterling), die sicher von Angehörigen einer Oberschicht bewohnt wurden – aber nichts, was sich als Herrscherpalast ansprechen ließe. Und nie hat jemand hier irgendwo ein Königsgrab gefunden. Die Pyramiden jedenfalls sind keine, sondern Substrukturen für Tempel. Skelette, die man dort fand, sind Überreste von Geopferten. Auch Darstellungen wichtiger Persönlichkeiten oder gar von Herrschern, wie man sie von den Maya kennt, fehlen völlig. Die Individuen, die diese Bauwerke veranlasst und organisiert hatten, gerieten genauso in Vergessenheit wie die Freskenmaler, Kalkbrenner und Steineschlepper, die sie ausführten.

          Weitere Themen

          Wird 007 eine Frau? Brodelnde Gerüchteküche um James Bond Video-Seite öffnen

          Filmpremiere : Wird 007 eine Frau? Brodelnde Gerüchteküche um James Bond

          Wer folgt Daniel Craig als James Bond im Geheimdienst Ihrer Majestät? Selten wurde einer Entscheidung in der Filmwelt mehr entgegen gefiebert als dieser. Mit dem lang ersehnten Start von Craigs wohl letztem 007-Abenteuer "Keine Zeit zu sterben" brodelt auch die Gerüchteküche wieder.

          Topmeldungen

          Hatte einmal mehr keinen leichten Tag: Armin Laschet

          Laschet und die Union : Machtprobe

          Ein turbulenter Tag für die Union: CSU-Chef Söder spricht Olaf Scholz die besten Chancen aufs Kanzleramt zu – und Armin Laschet wird von den eigenen Leuten herausgefordert.
          Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

          Zu wenige Gemeinsamkeiten? : Kretschmann zweifelt an der Ampel

          Bei den Grünen sind viele für ein Bündnis mit der SPD. Doch der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hadert mit einer Koalition, die von den Sozialdemokraten angeführt wird. Die Union wäre ihm als Partner lieber.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.