https://www.faz.net/-gsa-acp9p

Neue Serie „Spur der Steine“ : Als die Welt umgebaut wurde

Hier floss der Menschenstrom der Antike: Blick von Süden über die Säulenallee des Cardo, der Hauptverkehrsachse von Gerasa, auf das heutige Jerash Bild: TARA TODRAS-WHITEHILL/The New Yo

War der Sieg des Islams im Nahen Osten ein Kulturbruch? Die ältere Geschichtswissenschaft behauptet es. Die jordanische Ruinenstadt Gerasa zeigt das Gegenteil. Eine Besichtigung als Auftakt zu einer Serie über Orte der Archäologie.

          5 Min.

          Diesen Anblick erwartet man nicht. Wer vom Parkplatz im Süden des Geländes am Hippodrom vorbei zum Kassenhaus läuft, um ein Ticket zu lösen, betritt eine Märchenwelt des Altertums. Ein weiter runder Platz, von 56 ionischen Säulen gerahmt, empfängt den Besucher wie ein steinerner Salon. Dahinter reihen sich Steinbauten an einer Säulenallee, Hallen, Tore, Pylone, ein Brunnenhaus. In einen Hang ist ein Theater gemeißelt. Zwei Tempelhügel thronen über der Szenerie, darunter, an ihren Apsiden erkennbar, Reste von Kirchen. Es ist, als hätte man das Rom der letzten, christlichen Imperatoren zum Ruinenpark kondensiert. Aber dies ist nicht Rom. Dies ist Gerasa, eine nahöstliche Metropole der Spätantike.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die ausgehende Antike ist eine der wichtigsten Epochen in der Geschichte des Mittelmeerraums – vielleicht die wichtigste. Damals wurden in Europa, Nordafrika und im Vorderen Orient die Karten im Machtspiel der Völker neu gemischt, und es entstanden viele ethnische und kulturelle Konstellationen, die bis heute das Leben in diesen drei Regionen bestimmen. In Westeuropa teilten die Germanenstaaten das zerfallende Weströmische Reich unter sich auf. Nordafrika löste sich trotz der Rückeroberungen Justinians aus dem Einflussbereich Ostroms. Und auf dem Balkan schufen die Wanderungszüge der Hunnen, Slawen und Ungarn die Voraussetzungen für die Staatsbildungen des Hochmittelalters.

          Die wichtigste unter den spätantiken Transformationen aber vollzog sich im Nahen Osten. Die römischen Provinzen Syria, Arabia und Palaestina hatten die Krise des dritten Jahrhunderts relativ glimpflich überstanden, weil der Klientelstaat Palmyra den Ansturm des persischen Sassanidenreiches abfing. Im vierten und fünften Jahrhundert blühten sie auf. Hier mündeten die Handelswege aus Indien und Fernost, hier wurden – etwa im Heiligtum von Sankt Symeon mit seiner gewaltigen Kuppelkirche – die Wüstenstämme getauft, und hier lag das Zentrum der oströmischen Ölproduktion, wie man noch heute an den imposanten Steinbauten der Toten Städte im Norden Syriens sehen kann.

          Sie kamen als Erben, nicht als Zerstörer

          Im Zeitalter Justinians jedoch geriet die Region unter Druck. 540 eroberten die Perser Antiochia, ein Zeichen, dass die Militärgrenze zum Zweistromland brüchig geworden war. Siebzig Jahre später überfluteten die Armeen des Großkönigs Chosrau Syrien, Ägypten und Kleinasien. Das Oströmische Reich, das vor dem Untergang zu stehen schien, ging aus dem Duell mit den Sassaniden am Ende siegreich, aber geschwächt hervor. Als Kaiser Herakleios im März 629 die Reliquie des Wahren Kreuzes im Triumph ins wiedereroberte Jerusalem zurücktrug, hatten die Reiterheere des Propheten Mohammed bereits Mekka und einen Großteil der Arabischen Halbinsel unter ihre Kontrolle gebracht. Fünf Jahre später ergab sich Damaskus den arabischen Belagerern, 638 folgte Antiochia. „Lebewohl, Syrien!“, soll Herakleios ausgerufen haben, als er das Schiff zurück nach Konstantinopel bestieg.

          Weitere Themen

          Die andere Seite

          Fotograf Benjamin Katz : Die andere Seite

          In seiner Bilderschau im Museum Marta Herford zeigt Benjamin Katz einmal keine Künstler, sondern Kunst am Straßenrand.

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Wo nimmt die Frau bloß diese Töne her?

          Bayreuther Festspiele : Wo nimmt die Frau bloß diese Töne her?

          Katharina Wagner ist es gelungen, die Bayreuther Festspiele musikalisch und szenisch auf hohem Niveau zu konsolidieren. Die Wiederaufnahmen von „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tannhäuser“ beweisen es.

          Topmeldungen

          Halbe Seite vom früheren CSU-Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Maier übernommen? Neue Vorwürfe gegen Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet

          Buch des CDU-Kanzlerkandidaten : Neue Plagiatsvorwürfe gegen Laschet

          Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber zieht seine entlastende Stellungnahme zum Buch des Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zurück. Weber kündigte an, das Buch genauso detailliert zu prüfen wie jenes der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.
          Alles so schön bunt hier: eine Gasse in Basel. In der Schweizer Stadt fanden im vorigen Jahr Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung statt, die Martin R. Dean ermutigten, über seine Erfahrungen als „nichtweißer“ Autor zu sprechen.

          Was die Sprache verändert : Ade, du weiße Selbstverständlichkeit

          Der Schriftsteller Matthias Politycki hat kürzlich begründet, warum er Deutschland verlassen hat: Politisch korrekte Sprachregelungen mache ihm das Schreiben unmöglich. Ihm antwortet nun ein Freund und Kollege.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.